Jan Eggers

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Corrigo – der Korrekturstift fürs Internet

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Wäre es nicht großartig, man könnte sachliche Fehler und fragwürdige journalistische Leistungen im Netz einfach rot anstreichen? Wäre es nicht schön, wir könnten das Internet also gewissermaßen korrekturlesen? Und wäre es nicht ungemein nützlich für die Redaktionen, wenn sie so auf Fehler hingewiesen würden und so eine zusätzliche Kontrollinstanz in Form der Netzgemeinde bekämen?

Nun ist die Idee so neu nicht. Medienwatchblogs und Redaktionsblogs sind davon ebenso beredtes Zeugnis wie lebhafte Diskussionen in den Kommentaren. Es gibt Faktencheck-Communities und digitale Ombudsmänner. Und für die Welt des bedruckten Totholzes gibt es ja längst die praktischen Warnaufkleber. Aber so direkt in Netzveröffentlichungen Fehler anstreichen? Und damit auch noch Wirkung erzielen?

Wie es aussehen könnte, zeigen zwei frisch diplomierte und höchst talentierte Online-Journalisten: Kersten Riechers und Tobias Reitz denken schon eine Weile am Konzept des Korrekturstifts fürs Internet herum. Sie haben ihre Diplomarbeit darüber geschrieben, das Konzept im Knight-Mozilla Learning Lab für digitalen Journalismus verfeinert und zuletzt in kondensierter Form auf dem auf dem Webmontag #33 in Frankfurt vorgestellt. Sie nennen ihr Konzept: „Corrigo“ („Ich korrigiere“). Schön übrigens, dass sie es schon mal nicht „Korrektr“ genannt haben.

Corrigo-Mockup: So sieht es aus, wenn ein Nutzer einen Fehler anstreicht und ein anderer ihn unterstützt.

Rotstift fürs Netz: Wie es funktionieren könnte

Zunächst einmal soll Corrigo auf faktische Fehler beschränkt bleiben – objektive Falschinformationen wie falsche Namen oder irrtümlich zugeschriebene Aussagen. Fragen des Standpunktes, subjektive Fehler, sind deutlich schwieriger zu fassen – und da die Macher ein Qualitätssicherungs-Werkzeug schaffen wollen und keine Meinungsplattform, wollen sie diese journalistischen Problemkinder von vornherein ausschließen.

Die Fehler sollen dann mithilfe eines „Web Annotation„-Systems ausgewiesen werden: Wer einen Fehler entdeckt, klickt den „Corrigo“-Knopf, streicht den Fehler an und begründet seine Fehlermeldung. Dabei hat er nur eine begrenzte Anzahl an Fehlerkategorien zur Auswahl; weniger ist mehr.

Wer nun die Seite aufruft, sieht anhand einer „Fehlerampel“, dass Fakten in diesem Dokument umstritten sind – und die Stelle, an der Kritik geübt worden ist. Zunächst ist die Fehlerampel noch gelb – sobald allerdings ein vertrauenswürdiger Nutzer die Fehlermeldung bestätigt, springt die Ampel auf Rot um. Die Redaktion hat nun die Möglichkeit, den Fehler transparent zu korrigieren und so die Ampel wieder auf grün zu stellen – der Hinweis auf die Korrektur bleibt erhalten. Im Idealfall, schwebt den Erfindern vor, ist das Corrigo-System sogar an das Redaktionssystem angeflanscht.

Technisch ist das Ganze ein Annotation-Layer über dem Inhalt; im Hintergrund arbeitet eine Art Bugtracking-System, wie man es aus der Software-Entwicklung kennt. Die praktische Umsetzung des Online-Rotstifts stellen sich die beiden Online-Journalisten in Form eines Browser-Plugins bzw. Bookmarklets vor, das die entsprechenden Markierungen ein- und ausspielt und mit der Fehlerdatenbank kommuniziert.

Was Corrigo nicht sein soll: Ein Ersatz für hauptamtliche Dokumentare und Faktenchecker. Oder für Medienblogs. Oder für Kommentar- und Bewertungssysteme. Aber in der Vorstellung seiner Erfinder kann Corrigo einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, sie alle zu verbinden und zu vernetzen – und zugleich die herkömmlichen Institutionen der journalistischen Qualitätssicherung profitieren zu lassen: Redaktionsleiter, Ombudsleute, Presserat und journalistische Ausbildung.

Stolpersteine

Natürlich wirft das Konzept auch eine Menge Fragen auf:

  • Müssen schon wieder die armen Onliner den Kopf hinhalten für die Dinge, die ihre Kollegen aus der analogen Welt verzapft haben? Kurz: Wie stellt man sicher, dass die Online-Korrekturen auch in Print, Radio und TV ankommen?
  • Wie streiche ich Fehler in Videos und Audios an?
  • Ich muss den Datenschutz garantieren, und die Nutzer müssen mir glauben – prinzipbedingt „sieht“ ein Web-Annotation-System, was ich mir im Netz ansehe, und zwar ohne Ausnahme. Eine Verwertung dieser Informationen muss ausgeschlossen sein.
  • Wird so ein System von den Nutzern nicht ganz schnell in eine weitere Kommentar- und Meinungsplattform umgewidmet, so dass die eigentlichen Korrekturen im Meinungsrauschen untergehen?
  • Wie schmeiße ich Spammer raus? Post-Its mit nützlichen Notizen auf Webseiten – das war eine der Innovationen des Social-Bookmarking-Dienstes Diigo. Sie führte dazu, dass man als Diigo-Nutzer auf Google oder Facebook erst einmal von zahlreichen „Ich war hier“-Zetteln genervt wurde – und kaum je dazu, dass man mal einen sinnvollen Hinweis von Fremden bekam.

Gerade die letzten beiden Punkte zeigen, dass man ein solches System nicht ohne  Community und ein entsprechendes Management einführen kann: Meiner Erfahrung nach funktionieren die Post-Its, die „Sticky Notes“ von Diigo, zum Beispiel sehr gut, wenn sie zum Austausch in einer überschaubaren Nutzergruppe dienen. Und auch die vertrauenswürdigen Nutzer, die die Anstreichungen unterstreichen, müssen erst gefunden werden.

Trotz vieler Fragen: Das Konzept ist spannend – und lohnt einen Blick ins (englischsprachige) Projektblog der Macher; auch die gesamte Diplomarbeit findet sich dort.

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

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