Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

14. August 2015
von Jan Eggers
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Facebook-Patent zur Kreditwürdigkeit – ein falscher Link reist um die Welt

Schon spannend: Facebook hat ein Patent, mit dem sich – unter anderem – auch ein Index für die Kreditwürdigkeit des jeweiligen Nutzers berechnen lässt. Könnte also zu einer Art Über-Schufa werden.

Flowchart für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit, Grafik aus der Facebook-Patentanmeldung

Kreditwürdigkeit im Social Graph: Grafik aus dem Facebook-Patent Nr. 9.104.493 vom 11.8.2015

Tolle Geschichte. Ausgegraben hat sie ein cleverer Patentanwalt, publiziert hat sie CNN Money.Und ich finde sie sehr spannend, weil ich mich gerade für das kommende Funkkolleg Wirtschaft mit der Macht der neuen Monopolisten Google, Facebook, Apple, Amazon beschäftige – und unter anderem die nicht ganz originelle These vertrete: die nächste Branche, deren Geschäftsmodell von ihnen umgekrempelt wird, sind die Banken. Aber das nur am Rande.

Zurück zum Originalartikel, zurück zum Handwerk. Die CNN-Leute haben nicht nur ganz altbacken aus dem Patent zitiert, sie haben – wie es sich für gute Netzjournalisten gehört – auf die Originalquelle verlinkt: auf dieses Patent. Dumm nur: da ist ihnen ein Fehler unterlaufen – das verlinkte Patent gehört zwar auch Facebook, beschäftigt sich aber mit einem technischen Problem beim Management einer Serverfarm. Das richtige Patent ist ein paar Klicks weiter, und zwar hier.

Nun wäre diese kleine Ungenauigkeit nicht weiter der Rede wert – aber der falsche Link ist wie eine ansteckende Krankheit: er ist bei allen, die das Thema angefasst haben, nachzuweisen. Zumindest bei denen, die ich auf die Schnelle gefunden habe:

Heißt: Von den vielen, vielen Netzjournalisten, die sich (zum Teil) sehr kundig mit der Meldung auseinandergesetzt haben, haben zwar viele den Link übernommen – vielleicht haben ihn einige sogar geklickt – aber niemand hat sich die Mühe gemacht, mit angeschaltetem Hirn auch nur die Überschrift der Originalquelle zu lesen: „System and method for cluster management“.

Und das gibt mir dann schon zu denken über die Standards meiner Branche.

(Hall of Fame: Die Welt hat zwar den Link nicht eins zu eins übernommen, hat selbst nach dem Link gesucht, zunächst ebenfalls einen kleinen Fehler gemacht, hat ihn aber anderweitig verbaselt.inzwischen korrigiert)

15. Juli 2015
von Jan Eggers
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Die Kunst der Verdichtung: Die Geschichte von MP3

Plattenspieler mit der Aufschrif "Vinyl kills the mp3 industry."

CC BY Acid Pix (via Flickr.com)

Am 15. Juli 1995 kam ein Kürzel in die Welt: .mp3 – die Dateiendung für komprimierte Musik. Musik, die kunstvoll so klein gerechnet wurde, dass man die Daten verschicken konnte, auch ohne Megabit-Datenleitungen. Um den 20. Geburtstag von MP3 zu feiern, möchte ich seine Geschichte noch einmal erzählen – entstanden ist das ursprünglich für ein hr2-„Wissenswert“-Radiostück im Jahr 2012. Hier die Langfassung.

Wird meine Tochter, jetzt zwei, diesen klassischen Sketch der Komikertruppe Monty Python noch verstehen, wenn sie groß ist? Ich werde ihr erklären müssen, was eine Schallplatte ist. Auch CDs wird sie nur noch aus dem Museum kennen – und sie wird sich über das Wort amüsieren: Tonträger. Doch vor gar nicht so langer Zeit haben wir angefangen, Musik auch ohne Tonträger zu verbreiten – auf Festplatten und über Datenleitungen, in digitaler und zudem in verdichteter Form: als MP3-Datei.

Dies ist die Geschichte, wie es dazu kam. Sie erzählt, wie man Musik klein kriegt – so klein, dass die Dateien auch per Modem versandt werden konnten. Wie ausgerechnet ein Elektrotechnik-Student lernte, die menschlichen Ohren auszutricksen, indem er sich und andere beharrlich quälte. Wie ihn die Sängerin Suzanne Vega vor ein gewaltiges Problem stellte, und er sie über tausend Mal hören musste, um es zu lösen. Die Geschichte erzählt von einem Akt der Piraterie, der MP3 erst zum Erfolg werden ließ – und von einer der ersten viralen Kampagnen. Und sie erklärt, warum MP3-Spieler eine politisch begründete Abneigung gegen Kastagnetten haben. Aber der Reihe nach.

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17. Juni 2015
von Jan Eggers
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Move fast and break things. (Or burst balloons.) – Live vom ARD-ZDF-Hackathon


Und um halb neun stellen sich Nadja und Philipp die Sinnfrage. Was hat ein Nutzer eigentlich von einer App zur Einsplus-Sendung „Auf 3 Sofas durch…“? Wo liegt der Mehrwert? Wie gestalten wir das Verhältnis zu Facebook und Instagram, wo sich die Zuschauer natürlich auch finden, und finden sollen? Die beiden diskutieren konzentriert – und lange. „Seid ihr schon fertig, oder was?“ kommentiert das ein Programmierer aus dem Zeitreise-Team, der nach einer Dreiviertelstunde erneut bei den beiden vorbeikommt.

Noch lange nicht. Sie werden am Ende über zwei Stunden über die Nutzersicht der Dinge diskutiert haben.
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1. Juni 2015
von Jan Eggers
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Der magische Inspirations-Button

Lightbulb:  CC BY Matty Ring via flickr.com

Bright Idea

„1% inspiration, 99% transpiration.“ (Q)

Okay, Thomas Alva Edison war weniger Erfinder als ein skrupelloser Verkäufer, aber sein Rezept für Kreativität hat was. Denn das ist wahr: Kreativität kann man erzwingen. Die Upworthy-Methode – 25 Überschriften zu ein und demselben Thema schreiben – ist ein Beleg dafür: Den inneren Zensor mit Gewalt ausschalten, indem man ihn zermürbt – das führt wirklich zu Ideen, die man sich nicht zugetraut hätte.

Wo aber bekommt man das eine Prozent Inspiration her?

Eine gute Quelle ist manchmal schlicht: der Zufall. Wortwürfel – zum Beispiel Storycubes – sind nicht nur ein schönes Partyspiel, sie liefern manchmal frische Ideen, und manchmal bieten sie den Nährboden, auf dem bereits vorhandene Ideen-Keime Wurzeln schlagen und aufblühen können.

Für uns Netzarbeiter muss es aber natürlich ein digitales Tool sein – und dafür möchte ich eins empfehlen, das ich den wunderbaren Onlinern und Onlinerinnen von Radio Fritz verdanke: Den magischen Knopf der Viralschleuder-Seite „The Key of Awesome“. Der bringt den Ideensucher per Klick zu immer neuen Motiven, die Assoziationen nur so erzwingen – wer da nicht auf neue Gedanken kommt, braucht wirklich mal Urlaub (und hat wenigstens 5 Minuten lang unterhaltsam prokrastiniert). Eine andere Möglichkeit ist die „Entdecken“-Funktion von Flickr – wer’s zeitgemäßer mag, kann zwischen beliebigen Periscope-Streams oder Storehouse-Stories hin- und herspringen. Aber bitte von vornherein mit strengem Zeitlimit!

Enge hilft

Wenn man mit dem Zufall neue Möglichkeiten aufgetan hat, hilft es, die wuchernden Verzweigungen wieder zu kanalisieren. Man kann sich zum Beispiel einen Denk-Hut aufsetzen oder – noch einfacher in eine Rolle schlüpfen: was würde ein überkorrekter Beamter aus dieser Idee machen? Was eine frisch verliebte Bibliothekarin? Ein wütender Radfahrer? Ein Landei? Mein Bürogenosse? Auch Schablonen, Formate und andere stilistische Korsette helfen – Constantin Seibt hat dazu alles Sagenswerte gesagt, und das viel schöner, als ich (oder praktisch jeder andere deutsche Ratgeber) es je könnte.

Und das wusste ja schon Nietzsche:

„Freiheit in Fesseln – eine fürstliche Freiheit.“ (Q)

12. Mai 2015
von Jan Eggers
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Kommt zum Punkt, verdammt!

Watches in classic car boot sale. CC-BY Garry Knight via flickr.com

Du hast 15 Sekunden, deine Nutzer da zu packen, wo sie gepackt werden wollen (oder wo es ihnen weh tut). Dann sind die meisten wieder weg. Also greif zu!

Tony Haile hat eine gute und eine schlechte Nachricht für uns Journalisten.

Haile, ehemaliger Polarforscher, Kurator seines eigenen virtuellen Buchklubs und Chef der Firma Chartbeat. Chartbeat analysiert mit modernen Werkzeugen in Echtzeit, wie Nutzer sich verhalten – und ist so unter anderem bei der Erkenntnis angekommen, dass man den Erfolg einer Seite nicht in Klicks messen sollte, sondern in der Zeit, die Nutzer dort verbringen.

Denn, das ist die gute Nachricht: Nutzer sind durchaus bereit, gute Inhalte zu honorieren und ihnen Zeit zu widmen – auch und gerade im Zeitalter von Buzzfeed. Die schlechte Nachricht: Wenn wir wollen, dass wir gelesen werden, müssen wir viel, viel besser werden.

Weiter im #hdalab15 Blog

Foto: CC BY Garry Knight (via flickr.com)