Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

17. Juni 2015
von Jan Eggers
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Move fast and break things. (Or burst balloons.) – Live vom ARD-ZDF-Hackathon


Und um halb neun stellen sich Nadja und Philipp die Sinnfrage. Was hat ein Nutzer eigentlich von einer App zur Einsplus-Sendung „Auf 3 Sofas durch…“? Wo liegt der Mehrwert? Wie gestalten wir das Verhältnis zu Facebook und Instagram, wo sich die Zuschauer natürlich auch finden, und finden sollen? Die beiden diskutieren konzentriert – und lange. „Seid ihr schon fertig, oder was?“ kommentiert das ein Programmierer aus dem Zeitreise-Team, der nach einer Dreiviertelstunde erneut bei den beiden vorbeikommt.

Noch lange nicht. Sie werden am Ende über zwei Stunden über die Nutzersicht der Dinge diskutiert haben.
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1. Juni 2015
von Jan Eggers
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Der magische Inspirations-Button

Lightbulb:  CC BY Matty Ring via flickr.com

Bright Idea

„1% inspiration, 99% transpiration.“ (Q)

Okay, Thomas Alva Edison war weniger Erfinder als ein skrupelloser Verkäufer, aber sein Rezept für Kreativität hat was. Denn das ist wahr: Kreativität kann man erzwingen. Die Upworthy-Methode – 25 Überschriften zu ein und demselben Thema schreiben – ist ein Beleg dafür: Den inneren Zensor mit Gewalt ausschalten, indem man ihn zermürbt – das führt wirklich zu Ideen, die man sich nicht zugetraut hätte.

Wo aber bekommt man das eine Prozent Inspiration her?

Eine gute Quelle ist manchmal schlicht: der Zufall. Wortwürfel – zum Beispiel Storycubes – sind nicht nur ein schönes Partyspiel, sie liefern manchmal frische Ideen, und manchmal bieten sie den Nährboden, auf dem bereits vorhandene Ideen-Keime Wurzeln schlagen und aufblühen können.

Für uns Netzarbeiter muss es aber natürlich ein digitales Tool sein – und dafür möchte ich eins empfehlen, das ich den wunderbaren Onlinern und Onlinerinnen von Radio Fritz verdanke: Den magischen Knopf der Viralschleuder-Seite „The Key of Awesome“. Der bringt den Ideensucher per Klick zu immer neuen Motiven, die Assoziationen nur so erzwingen – wer da nicht auf neue Gedanken kommt, braucht wirklich mal Urlaub (und hat wenigstens 5 Minuten lang unterhaltsam prokrastiniert). Eine andere Möglichkeit ist die „Entdecken“-Funktion von Flickr – wer’s zeitgemäßer mag, kann zwischen beliebigen Periscope-Streams oder Storehouse-Stories hin- und herspringen. Aber bitte von vornherein mit strengem Zeitlimit!

Enge hilft

Wenn man mit dem Zufall neue Möglichkeiten aufgetan hat, hilft es, die wuchernden Verzweigungen wieder zu kanalisieren. Man kann sich zum Beispiel einen Denk-Hut aufsetzen oder – noch einfacher in eine Rolle schlüpfen: was würde ein überkorrekter Beamter aus dieser Idee machen? Was eine frisch verliebte Bibliothekarin? Ein wütender Radfahrer? Ein Landei? Mein Bürogenosse? Auch Schablonen, Formate und andere stilistische Korsette helfen – Constantin Seibt hat dazu alles Sagenswerte gesagt, und das viel schöner, als ich (oder praktisch jeder andere deutsche Ratgeber) es je könnte.

Und das wusste ja schon Nietzsche:

„Freiheit in Fesseln – eine fürstliche Freiheit.“ (Q)

12. Mai 2015
von Jan Eggers
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Kommt zum Punkt, verdammt!

Watches in classic car boot sale. CC-BY Garry Knight via flickr.com

Du hast 15 Sekunden, deine Nutzer da zu packen, wo sie gepackt werden wollen (oder wo es ihnen weh tut). Dann sind die meisten wieder weg. Also greif zu!

Tony Haile hat eine gute und eine schlechte Nachricht für uns Journalisten.

Haile, ehemaliger Polarforscher, Kurator seines eigenen virtuellen Buchklubs und Chef der Firma Chartbeat. Chartbeat analysiert mit modernen Werkzeugen in Echtzeit, wie Nutzer sich verhalten – und ist so unter anderem bei der Erkenntnis angekommen, dass man den Erfolg einer Seite nicht in Klicks messen sollte, sondern in der Zeit, die Nutzer dort verbringen.

Denn, das ist die gute Nachricht: Nutzer sind durchaus bereit, gute Inhalte zu honorieren und ihnen Zeit zu widmen – auch und gerade im Zeitalter von Buzzfeed. Die schlechte Nachricht: Wenn wir wollen, dass wir gelesen werden, müssen wir viel, viel besser werden.

Weiter im #hdalab15 Blog

Foto: CC BY Garry Knight (via flickr.com)

18. März 2015
von Jan Eggers
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Wahr oder falsch? Auf der Jagd nach #blockupy Fakes. 

Bei manchen angeblichen Frankfurt-Bildern von heute darf man schon skeptisch sein:

Klar: nicht alles, was heute rund um die Proteste in Frankfurt getwittert und gepostet wurde, war echt. Und auch mir ist heute bei der Mitarbeit an unserem Liveticker an einer Stelle ein nicht authentisches Bild durchgerutscht. Wir haben das bald bemerkt – aber jetzt mal zum Mitraten: welche der folgenden Bilder sind nicht, was sie zu sein vorgeben? Und wie bemerkt man ein Fake?

Level 1: Der Provo-Troll

Frankfurt, 18. März 2015, am frühen Nachmittag. Die Bilder der brennenden Polizeiautos dominieren die Twittersphäre; selbst die Aluhelmfraktion von „Russia Today“ findet nicht wirklich etwas anderes. Und dann dieser Tweet: Ein Polizist schlägt zu. Verbunden mit den Reizwörtern „erfreulich“, „Lucky Punch“ und dem Rechtsradikalen-Ausdruck „Zecken“.

Genau diese Überfülle an Auslösern macht misstrauisch: Die erste Quellencheck-Frage nach dem Content lässt auf diese Reizwörter aufmerksam werden. Also eine kurze Prüfung: woher kommt dieses Bild?

Für diese Frage gibt es die Bilder-Quellensuche TinEye, die man sich am besten als Browser-Plugin auf den Arbeitsplatzrechner installiert. Die Suche führt schnell zu früheren Vorkommnissen: Das Bild stammt nicht aus dem heutigen Frankfurt und nicht von einer Webcam, sondern wurde von einem dpa-Fotografen am Rand einer Neonazi-Demo 2012 in Hamburg aufgenommen.

Level 2: Der rührende Moment

Okay, da hat wohl jemand versucht, unsere roten Knöpfe zu drücken, aber was ist mit diesem symbolisch aufgeladenen Augenblick?

Auch bei diesem Bild zeigt sich schnell, dass die Story nicht stimmt: TinEye kann das Foto schon 2012 nachweisen – ein Bild der Nachrichtenagentur Reuters aus diesem Jahr. Immerhin tatsächlich bei Blockupy entstanden.

Den beiden Bildern ist gemein, dass sie eigentlich zu gut sind für zufällige (Handy-) Schnappschüsse. Übrigens fiel auch das eingangs erwähnte Fake in diese Kategorie; ein Nutzer hatte über das Kommentarfeld ein altes Agenturfoto hochgeladen. Zugegeben: Starke Bilder mit großer Symbolkraft müssen nicht aus den Archiven professioneller Bildhändler stammen, aber der Verdacht verdient eine Überprüfung.

Level 3: Die Frankfurt-Apokalypse

Frankfurt verschwindet im Qualm?!?

Die Frage nach Photoshop ist berechtigt. Bei diesen Bildern musste ich sofort an das berüchtigte Reuters-Fake von Rauchschwaden über Beirut denken – und wer an diesem Morgen in Frankfurt war, hatte zwar die Rauchschwaden gesehen, so apokalyptisch wie auf diesen Fotos wirkten sie aber eigentlich nicht.

Die TinEye-Suche fand keine älteren Kopien des Fotos – was dafür spricht, dass es aktuell sein könnte – bestätigte aber, dass es Bilder aus genau identischer Kameraperspektive an anderen Tagen gibt. Eine ergänzende Google-Bildersuche fand das erste Vorkommen des Bildes bei Twitter:

Quelle: eine FAZ-Journalistin. Die sich übrigens in den Antworten recht bald dem Vorwurf ausgesetzt sah, es handele sich um ein manipuliertes Foto – und mit einem Hinweis auf die Quelle antwortete: eine Webcam auf dem Main Plaza dribbdebach. Deren Fotos ließen sich zurückblättern…

Screenshot mainhattan-webcam.de am 18.3. 8.00h

Screenshot mainhattan-webcam.de vom 18.3. um 8.00 Uhr. Die Kamera ist ein Dienst der Hi.Res.Cam GmbH in Weinheim, bei der man über den Fälschungs-Verdacht sehr belustigt ist.

 

…und das Ausgangsbild war tatsächlich unter 8 Uhr im Archiv abgelegt. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Manipulation des Bildes auf dem Server handelt, kann man mindern:

www.henninger-turm-webcam.de der Hi.Res.Cam GmbH, 18.3., 8 Uhr

Die gleiche Szene von einer Webcam etwa einen Kilometer südlich zur gleichen Zeit. Wie man sieht, entsteht die Dramatik des Bildes dadurch, dass die Rauchschwaden genau über den Hotelturm mit der Webcam hinweg ziehen.

Das Urteil: Erstaunlicherweise echt.

16. März 2015
von Jan Eggers
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Spielen wir mal Fernsehen: Live mit Meerkat

Meerkat-Anmeldebildschirm: "Tweet Live Video".

Kurz ein paar Erkenntnisse aus einem kleinen Experiment mit der Livestreaming-App für den sendungsbewussten Twitterer. Seit einem Update letzte Woche läuft die App auch auf meinem iPad rund. Dann ein Anlass: Auf dem LPR-Forum Medienzukunft hatte ich nach dem Vortrag des „Krautreporter“-Chefredakteurs Alexander von Streit noch reichlich Fragen – und dachte mir: die kann ich ihm gleich auch vor einem kleinen Publikum stellen. (Dazu demnächst mehr.) Also in der Pause zu ihm hin, den Rahmen besprochen – und angefangen.

Das Schöne an Meerkat: Man muss sich über nichts Gedanken machen; einfach eine Schlagzeile für den Livestream eintippen – die die App dann gleich twittert – und los.

Ein paar Dinge musste ich dann doch lernen:

  • Unbedingt hochkant filmen. Ja, wir Medientypen haben eine tief sitzende Abneigung gegen das „Vertical-Video-Syndrom„. Im Mobile-First-Zeitalter sollten wir sie zumindest infrage stellen – und mit Meerkat ist sie ganz schön gefährlich: Wenn man wie gewohnt querformatig filmt, sieht das zwar – zumindest auf dem iPad – ganz passabel aus. image
    Die Nutzer sehen aber nur eine auf Hochkantformat beschnittene Version: image
    Und das ist in einem Gespräch ziemlich ärgerlich: wenn man sich nach dem Querformat-Bild richtet, filmt man konsequent zwischen den beiden Gesprächspartnern durch.
  • Kenne Dein Publikum. Wie viele seiner Follower erreicht man mit einem spontanen Aufruf, doch mal einem Live-Gespräch zuzuschauen? Bei mir war es – immerhin – eine Handvoll, darunter ein, zwei Teilnehmer der Konferenz, auf der ich gerade war. Das wird auch nicht grundsätzlich anders sein, wenn man eine weitere Meerkat-Funktion nutzt und den Stream vorher plant und ankündigt – abgesehen von einigen wenigen Fällen, in denen ein Reporter mitten in einem Nachrichten-Ereignis steht und sendet, hat ein Meerkat-Stream mehr mit einem Hangout unter Experten gemein als mit einer Social-TV-Live-Sendung.
  • Trotzdem: öffentlich. Ein Meerkat-Stream ist also in der Regel kein Massenmedium, es fühlt sich trotzdem so an. Mein Gesprächspartner und ich sind automatisch in die Frage- und Antworthaltung zweier Menschen verfallen, die auf einem öffentlichen Podium sitzen.
  • Auf @replies bei Twitter achten. Charmant ist, dass Kommentare zum Stream bei Twitter direkt von der App eingeblendet werden – aber nur, wenn der Absender direkt auf den „|LIVE NOW|“-Tweet antwortet, nicht wenn er mir einfach so eine @reply schickt. Schade, wenn ein interessantes Feedback auf den Stream durchrutscht, weil der Nutzer formlos zurückgetwittert hat und ich die Twitter-Benachrichtigungen ausgeschaltet habe.
  • Aufzeichnung mitdenken. Sehr praktisch ist, dass Meerkat nach Beendigung des Streams anbietet, einen Mitschnitt lokal aufzuheben – im Netz sollen nach Aussage der Meerkat-Macher allenfalls Sekunden des Streams aufzufinden sein, auf dem iPad kann ich sie aufheben. Was ein schönes Transparenz-Szenario für Mobil-Reporter ermöglicht: Das Gespräch mit einem O-Ton-Geber live streamen, den Mitschnitt für O-Töne auswerten. Das hülfe dem Gegenüber auch, zu verstehen, dass es nicht nur mit mir spricht, sondern mit einem Publikum.

Was Meerkat definitiv fehlt, ist eine Android-Variante der App – und offensichtlich auch die Liebe von Twitter: nachdem Twitter ein Startup übernommen hat, das eine Meerkat-ähnliche Technik bastelt, drehte der Konzern Meerkat den Zugang zu einem Teil der API ab – auf die „Soundso-ist-jetzt-bei-Meerkat“- und „Dein-Twitter-Freund-soundso-sendet-gerade“-Benachrichtigungen muss man also in Zukunft verzichten.

Trotzdem meine ich, dass Meerkat einen Blick lohnt oder auch zwei – ganz besonders für die Einsatz-Szenarien „Live-Reporter mittendrin“, „Experten fragen, Experte antwortet“ und Mobile Reporting.