Okay, es hat sich herausgestellt, das das Hashtag #mit16 nicht so supergünstig gewählt war:

https://twitter.com/timati_bs/status/725249597476593664

Trolle hin, Trolle her – ursprünglich ging es nicht um Vergangenheit, sondern Zukunft; stand #mit16 mal für den Medieninnovationstag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Hier mit mittelviel Abstand ein paar Stichwörter, die bei mir hängen geblieben sind.

Punkt 1: Snapchat, Snapchat, Snapchat

Reicht es, stolz darauf zu sein, dass man Snapchat nicht kapiert – oder sollte man sich mit dem vermeintlichen Teenie-Spielzeug Snapchat nicht endlich auch mal beschäftigen? Darüber ist alles längst geschrieben und gesagt, deshalb nur die Beobachtung von der Seitenlinie: Auf dem Medieninnovationstag wurde überall gesnapt, geswapt und gefiltert. Dann gab’s noch einen spannenden Workshop mit den hauptamtlichen Snapchatverstehern der Bild, Manuel Lorenz und Christian Mutter, die nicht nur sehr Ü-30-freundlich durch die Funktionen führten, sondern auch einige ziemlich überzeugende Argumente für Snapchat vorbrachten:

  • Explodierende Nutzungszahlen. Nicht zuletzt bei Bild selbst. Siehe die Präsentation von Christian und Manuel.
  • Auf dem Smartphone entstanden, fürs Smartphone gedacht – schon deshalb lohnt sich für Altmedienweltbewohner die Beschäftigung mit Snapchat: Hochkant filmen und ohne großes Produktionssetup ein Videotagebuch produzieren – das bildet.
  • Schneller näher dran. Wir haben das schon bei anderen Social-Media-Plattformen erlebt: Sie wirken unmittelbar und authentisch, bringen uns direkte Perspektiven. Kein Wunder, sagen Manuel und Christian, dass auch Bayern München inzwischen snapchattet. Wobei das ja mit den Fußballern und Snapchat mitunter so eine Sache ist. (Die Story dahinter: hier.)
Christian Mutter (links) und Manuel Lorenz (rechts) von BILD: "Die Startfolie zeigt eigentlich alles, was man über Snapchat wissen muss!"
Christian Mutter (ungeswappt links) und Manuel Lorenz (ungeswappt rechts) von BILD: „Die Startfolie zeigt eigentlich alles, was man über Snapchat wissen muss!“

Am Rande notiert: In Kombination mit #snapchat fand auch das entführte Hashtag #mit16 wieder nach Hause.

Also: zumindest in der #mit16-Filterblase war Snapchat nicht zu vermeiden, und das Faceswap-Snap war die 2016er Variante der miteinander getauschten Visitenkarte.

Punkt 2: Die Post-TV-Fernsehzukunft hat begonnen

Ach ja, die Konvergenz. Man muss sich nur mal ansehen, wie Springers Bild auf Facebook Live und Snapchat eine Wahlsendung gestemmt hat, natürlich auch mit dem Charme des Unfertigen. Auch die Fernseh-Konkurrenz erfindet sich neu: RTL 2 YOU (sprich: Arrtiehäll-Tuu-Juu) wird als App für alle gängigen Geräte verfügbar sein – außer für den linearen Fernseher. Wie man’s macht: Youtuber mitsamt ihrer Community einkaufen. Die Jungs vom Gamernetzfernsehen Rocketbeans.tv zum Beispiel. Sie machen lassen und das dann exklusiv in RTL 2 YOU anbieten. Anderes zukaufen, eine Kardashian-Reality-Soap zum Beispiel. Aber alles nur in der App, nicht im TV. Christian Nienaber, der Digitalchef von RTL2, beschreibt den Ausgangspunkt für diese Strategie: dass die Fans von Dagibee und Bibi gar nicht so weit weg sind von den Zuschauern von Köln 50667.

Nun ist die RTL-Gruppe in meinen Augen nicht gerade das Sturmgeschütz des digitalen Medienwandels, aber der (Facebook-) Erfolg von „Berlin Tag und Nacht“ zeigt, dass sie bei RTL 2 schon wissen, was sie tun. Deshalb: Spannend.

Die Inhalte, die Strategie: DWDL hat mit Christian Nienaber ein Interview über RTL 2 YOU geführt.

Punkt 3: Wir müssen über Innovation reden

„Ich möchte nicht mehr hören, dass man ja so wahnsinnig schlimme Chefs hat!“, sagt Dirk von Gehlen von der Süddeutschen. Und er sagt noch den schönen Satz: „Es ist einer technischen Innovation wurscht, ob man sie gut oder schlecht findet.“

Wie zu den Ideen und Produkten für heute und (Luft holen!) übermorgen kommen? Wie sich (immer wieder) neu erfinden? Er gibt Medienunternehmen und Journalisten diese fünf Punkte mit:

  • Fail better? Nein: Strategisch scheitern. Das heißt: nicht einfach herumexperimentieren, sondern mit Zielen – und am Ende auswerten, was es gebracht hat.
  • Keine Ahnung über eine neue Technologie, aber eine Meinung? Kommt In unserer von allwissenden Alphatierchen geprägten Arbeitsumgebung, ähem, schon mal vor. Gegengift: Ratlosigkeit üben, zugeben, dass man über etwas noch nicht genug weiß und trotzdem  ¯\_(ツ)_/¯ weitermachen.
  • Die Langfrist-Perspektive: Der neue Trend – vielleicht auch Snapchat – ist gar nicht wichtig. Wichtig ist, die Entwicklungen dahinter in den Blick zu bekommen – zum Beispiel, dass digital bedeutet: Das One-size-fits-all-Durchschnittsangebot, die Verkehrsdurchsage beispielsweise – das ist bald Geschichte.
  • Nutzerorientierung. „Der höchste Wert in einer vernetzten Welt ist der Kontakt zum Kunden!“ Hört sich so selbstverständlich und banal an. Aber auch darunter würde ich aus meiner Erfahrung einen dicken Strich setzen – und die besteht beispielsweise in den Aha-Erlebnissen, die es in Seminaren produziert, wenn man gestandene Medienmacher erst Personas fiktiver Nutzer zeichnen lässt und dann fragt: vergiss mal, was du machen willst – was würde die denn glücklich machen?
  • Unsicherheit aushalten. Ich erinnere mich noch, wie der onlinejournalistisch ja auch nicht eben unbeschlagene Jochen Wegener mal eine „Besser-Online“-Konferenz damit eröffnete, dass er seine Prognosen der letzten zehn Jahre aufzählte und dann sagte: Und sie sind alle, alle nicht so eingetroffen. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, nicht die ferne, nicht die nahe. Komm damit klar.

Hier die Folien von Dirk von Gehlen, aber ein wichtiger Punkt fehlt mir noch darin.

Zu denken gegeben hat mir, dem öffentlich-rechtlichen Onliner aus Überzeugung, dass ich mich mit zwei Innovatoren unterhalten habe, von denen der eine dem öffentlich-rechtlichen System schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat, und der andere zwar noch innerhalb dieses Systems arbeitet, aber deutliche Zeichen von Zermürbung erkennen lässt. Was sich im Einzelfall immer gut und logisch erklären lässt – aber auch für uns ist der digitale Brain Drain tödlich. Deswegen würde ich zu Dirk von Gehlens Auflistung noch einen sechsten Punkt hinzufügen wollen:

  • Sei attraktiv für innovative Köpfe.

Das Bonusmaterial

Noch ein paar schnelle Bemerkungen am Rande:

  • Die BLM selbst hat den ganzen Tag in ein Liveblog tickern lassen.
  • Dieses Startup-Projekt hat einen Like-Button fürs wirkliche Leben gebaut, mit dem man Song und Wort im Radio nach oben stimmen kann.
  • Sehenswerter Vortrag des DR-Chefredakteurs Casper Walbum Høst über den viel diskutierten „Constructive Journalism“-Ansatz (Folien hier). M.E. lässt er sich so zusammenfassen: Ohne Konflikt, an dem sich eine Geschichte langerzählen kann, komt er auch nicht aus, aber: Wir eignen uns zwei neue Dramaturgien an. (1) Beschreibe, was funktioniert, oder (2) Zeige die ganze Wirklichkeit: was fehlt in dem Bild, das die Medien bisher zeichnen?
  • Vormerkung für den nächsten Nürnberg-Besuch: Mal im „Holodeck 4.0“ des Fraunhofer-Instituts vorbeischauen.

Offenlegung: Ich bin als Trainer auch für die BLM tätig, den Veranstalter des Medieninnovationstags. Dass ich ihn besucht habe und auch darüber schreibe, hat damit aber nichts zu tun.

Veröffentlicht von Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

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