Die Quorafizierung der nördlichen Hemisphäre

Google Insights zeigt: Das Interesse an Quora steigt im Januar 2011 sprunghaft an

„Tipping Point“ zum Zuschauen: Wortwörtlich epidemisch breitet sich im Augenblick das Quora-Virus aus; keine Social-Media-Mode hat sich innerhalb weniger Tage – fast Stunden – derart flächendeckend festgesetzt. Das mag mit dem Film „Tron“ zu tun haben, vermutlich aber mit dem Einladungsmechanismus – und der extrem cleveren Verquickung mit Twitter und Facebook: Rein kommt man nur auf Empfehlung eines Bekannten, kann dann aber unbegrenzt selbst einladen – ist die erste Neugier einmal gestillt, wird man also zum großherzigen (Einladungs-) Spender, ohne selbst Kosten davon zu haben. Zudem stellt der Quora-Neuling erfreut fest, dass alle Freunde schon da sind: Wer mir bei Twitter folgt (und wem ich folge), der folgt mir auch bei Quora.

Das nächste Twitter?

Dann hat Quora aber tatsächlich die Möglichkeit, ein ernsthafter Twitter-Konkurrent zu werden. Bei Quora kann man Themensträngen folgen, wie man bei Twitter einzelnen Personen folgt. Interessiere ich mich für einen Themenstrang – sagen wir: alles zum Thema „Shakespeare“ – bekomm ich dann mit, wenn zu diesem Thema Fragen gestellt und vor allem beantwortet werden: Fein segmentiertes Wissen für mein Interessengebiet. Zugleich gelange ich – als Experte für dieses Gebiet – in den Kreis derjenigen, die zu diesem Wissen schnell beitragen können, indem sie Fragen beantworten.

Das wiederum ist der Hauptzweck von Quora: Antworten auf Fragen finden. Stelle ich die Frage: In welchem Stück fällt das Zitat „We are such stuff/as dreams are made of“, dann haben andere Nutzer zunächst die Möglichkeit, dieser Frage einen Kontext zu geben („Shakespeare“) und damit kompetente potentielle Antwortgeber anzulocken. Quora ist das konsequenteste Crowdsourcing-Tool in den Sozialen Medien, weil es das Beziehungsnetz auch nutzt, um Themen einzugrenzen und zu fokussieren und nicht nur, um möglichst viele potentielle Antwortgeber zusammenzurotten.

Der Witz an Quora ist die eingebaute Kollaboration und die Möglichkeit, aus ihr Informationsstränge zu generieren: Das unterscheidet Quora auch von Antwort-Communities, die Fragende und Wissende über Kategorien (gutefrage.net) oder Algorithmen (Aardvark) zusammenzubringen versuchen.

Gute Antworten vom Briefkastenonkel?

Journalisten dürfen mit gemischten Gefühlen auf Quora schauen. Nehmen wir mal an, Quora hält, was es verspricht: Da ist neben dem Wert als Recherchewerkzeug natürlich auf der einen Seite die Chance, die eigene Kompetenz auszuspielen – und den Ruhm der eigenen Redaktion. Andererseits bricht den Fachjournalisten wieder mal ein Zacken aus der Krone – es gibt einen weiteren guten Grund, nicht auf Ratgeber- oder ähnliche Portale zurückzugreifen. Auch ein weiterer Verdacht ist nicht völlig abwegig (danke @jke): Die Fragen, die bei Quora entstehen und verschlagwortet werden, passen wie Faust auf Auge zu Contentfarmen á la Demand Media.

Aber vielleicht wird Quora ja nur das Poken des Jahres 2011.

Nachtrag: Quora wird niemals so groß wie Twitter, meint Mashable. Na dann.

Veröffentlicht von Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

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