Bin ich froh, dass nicht unsere Juristen hierher gefahren sind. Hätten sie sich das alles angehört über die Rechtsrisiken beim Einsatz von Social Media, hätte ihre Einschätzung womöglich gelautet: Keine Facebook-Seiten mehr, keine “Teilen”-Schaltflächen, keine Kommentare und auch Twitter nur noch sehr, sehr eingeschränkt. Und ich könnte den Kollegen noch nicht einmal böse sein: Risiken vermeiden ist schließlich ihr Job.
Die Veranstaltung: Eine Tagung der Akademie des Deutschen Buchhandels rund um juristische Probleme mit dem Sozialen Internet, mit – soweit ich das als Laie beurteilen kann – hochrangigen und kundigen Referenten. Und es ist ja auch nicht so, dass man noch nie davon gehört hätte, dass die Datenschützer aus Kiel Facebook für rechtlich bedenklich halten, aber in dieser Kompromisslosigkeit? »Als Aufsichtsbehörde kommen wir zu dem Schluss, dass es derzeit nicht möglich ist, Facebook datenschutzkonform einzusetzen«, sagt der Vertreter des ULD; Verstoß gegen Telemediengesetz § 15 (3) – keine Grauzonen, Ende der Diskussion: Wer Facebook-Seiten betreibt, macht sich mitschuldig, basta.
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Rechtsrisiko Social Media – mit einem Bein im Knast?
Der Wert von 100.000 Facebook-Fans
Läuft schon eine Weile, unlängst erst durch Hinweis einer Kollegin entdeckt: Die “Aktion Mensch” schenkt allen neuen Facebook-Freunden ein Los. Etwas unfeiner ausgedrückt: Sie kaufen sich neue Fans mit der Ware, die sie im Angebot haben. Von der Frage, wie man zum fundraising generell steht, mal abgekoppelt: rechnet sich das? Oder anders gefragt: Welchen Wert hat ein Facebook-Fan?
Wir Journalisten finden diese Frage ja tendenziell anrüchig, aber interessieren tut sie uns doch: Ob ein Twitter-Follower wirklich die 2 Dollar 50 wert ist, die ein US-Technikblog von einem seiner ehemaligen Reporter einklagen will, kann (und wird) man jedenfalls trefflich streiten. Facebook ist hier wieder mal im Vorteil: Es gibt eine recht einfache und nachvollziehbare Berechnungsmethode für den Werbewert einer Facebook-Community. Und um das vorwegzunehmen: ich glaube zwar, dass sie nicht ganz korrekt ist, aber doch die Größenordnung ganz gut wiedergibt.
Das Wissen um diese Formel verdanke ich Dieter Rappold aka @sierralog von vi knallgrau, der mir vor einigen Tagen den Abend rettete. Als Impulsredner für einen ansonsten eher mattgrauen Social-Media-Medienmittwoch hat er viele knappe, einprägsame und hilfreiche Dinge gesagt (unter anderem den schönen Satz: Wenn Sie keine Kommunikation mit Kunden haben, müssen Sie sich auch nicht mit Social Media beschäftigen). Und hat vorgerechnet, wieviel eine Fanseite mit, sagen wir mal, 100.000 Fans wert ist: eine Drittelmillion im Jahr.
Die Rechnung gibt’s auch in obiger Präsentation aus sierralogs Firma; sie geht so:
Ziel: Errechnung des Media Werts (=der Wert dem man an anderer Stelle investierenmüsste um eine vergleichbare Reichweite zu erzielen):
€ 400,00 (Pagewert = € 4 / 1.000 * 100.000 * 2 * 50%)+
€ 520,00 (Weiterleitungswert = € 4 / 1000 * 100.000 * 2 * 1% * 130 * 50%)
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€ 920,00 / Tag
Ist dies viel? Auf ein Jahr hochgerechnet und unter der Annahme, dass Facebook 365 Tage imJahr gleichmäßig genutzt wird, ergibt sich bereits ein Wert von
€ 920 x 365 = 335.800,00 € / Jahr
Stimmt diese Rechnung? Die geschätzten Größen will ich dabei nicht infrage stellen; ich verlasse mich darauf, dass eine PR-Agentur da ein gutes Gefühl hat. Was die Logik angeht, ist es am besten, der Rechnung Schritt für Schritt zu folgen. Die Berechnung geht so vor sich:
- Wieviel kostet es, eine vergleichbare Zielgruppe zu erreichen? Der TKP (Tausend-Kontakt-Preis) bei Online-Werbung liegt laut den Annahmen für diese Rechnung bei 4 €, das heißt: es würde 4 € kosten, damit eine Marketing-Botschaft von 1.000 Online-Nutzern gelesen wird.
- 100.000 Fans hat die Seite; wenn die alle alles lesen würden, entspräche das also einem Marketing-Wert von 400 Euro pro Post.
- Die Seite postet im Schnitt zweimal pro Tag, also: mal zwei.
- Dummerweise nehmen bei weitem nicht alle Fans auch alles wahr; da sollte man sich auch nicht von den “Impressionen” verwirren lassen, die Facebook-Admins angezeigt bekommen; die Rechnung nimmt an, dass jeder zweite den Post tatsächlich zur Kenntnis nimmt. Also: mal 50%, einfacher gesagt: durch zwei.
- Ergibt 400 Euro.
So weit, so einfach. Bislang hat die Seite einen Marketingwert von 400 Euro. Allerdings haben wir bislang eins nicht berechnet: Den Viral-Effekt. Fans nehmen Botschaften nicht nur zur Kenntnis, im Erfolgsfall verbreiten sie sie weiter. Und das berechnen die Knallgrau-Leute so:
- Aus der Erfahrung heraus und aus der ja recht gut bestätigten 90-9-1-Faustregel kann man ableiten, dass 1% der Nutzer einen Post weiterleitet, also: Seitenwert mal 1%…
- …jeder, der den Post weiterleitet, hat im Schnitt 130 Facebook-Freunde, die die Botschaft zugeleitet bekommen…
- …von denen wiederum 50% eine der zwei Botschaften tatsächlich wahrnehmen, siehe oben…
- …ergibt schon im ersten Schritt der viralen Verbreitung ein zusätzliches Publikum von weiteren 130.000 Augenpaaren. Mit einem weiteren Marketingwert von 560 Euro.
Im ersten Anlauf brauchbar – aber überflüssig?
Gemein nur: Die Formel enthält eine kleine Unstimmigkeit – und man braucht sie nicht mehr. Seit Facebook die Statistiken für Seitenbetreiber überarbeitet hat, erhalten die eine einfache und brauchbare Messgröße: die Reichweite. Wenn man die mit dem TKP multipliziert, kann man immerhin einen Wochenwert der Präsenz berechnen – und so die Marketingleute glücklich machen.
Dumm nur: An sich ist die Formel Unsinn – und das wird durch die neuen Reichweiten-Messwerte (wie auch das neue “…sprechen darüber” auf den Seiten) offensichtlich. Sie weist einen erstaunlichen Blinden Fleck auf: bloß, weil etwas einmal weiter geleitet worden ist, hört die virale Verbreitung ja nicht plötzlich auf. Auf der anderen Seite ist es natürlich reichlich kühn, anzunehmen, dass Facebook-Fans sich untereinander nicht kennen – selbst wenn jeder von ihnen im Schnitt 130 Fans hat, gibt es da Überschneidungen; mehr als etwa 30 neue Augenpaare dürften die Fans einer Seite in der Regel nicht beisteuern. Also: brauchbarer Ansatz, mangelhafte Ausführung.
Was machen wir jetzt damit? Einen Schätzwert berechnen, mit dem wir abschätzen können, ab wann ein Post zum viralen Selbstläufer wird. Das aber erst morgen.
Livebuntstift
Streamjournalismus mit dem Buntstift: Der großartige New Yorker Illustrator Christoph Niemann hat seine Erfahrungen beim New York City Marathon live getwittert – als Zeichnungen.
Lese-Muss zum Wochenende.
Zur Seite gesprochen: Wer ist echt bei Google Plus?
Probleme werden ja nicht gelöst, sondern liegen gelassen. (Frei nach Kurt Tucholsky)
Und ganz plötzlich ging sie los, die ganz große Bonanza. Wie in Goldgräberzeiten zogen Scharen von Social-Media-Glückssuchern los, um die ertragreichsten Claims bei Google+ abzustecken, und allüberall klapperten die Tastaturen, auf dass man sich als erster die begehrten Markenrechte sichere.
Aber: tut die Eile not? Anscheinend ist es so, dass bei Google Plus derzeit zwei Seiten mit identischem Namen existieren können (wobei mir die zuerst geschaltete einen Tick besser wegzukommen scheint bei der Suche).
Wie es dazu kam: Meine Kollegen drüben im Radiosender, bei dem mehr drin ist, wollten sich eine Google-Plus-Seite einrichten, um dort dann wie auch bei Facebook oder Twitter mit ihrer Community schnacken zu können. Das ging aus irgendwelchen Gründen nicht – also wurde ich aktiv, um die Seite unter dem wichtigen Markennamen für uns zur Seite zu schaffen. Das dauerte zwar – musste vermutlich erst von Larry Pages Avatar-Bot abgenickt werden – aber dann hatte ich die Seite. Parallel dazu stellte mein Kollege in der Redaktion fest: Trotz Fehlermeldung hatte auch er eine Seite mit identischem Namen eingerichtet bekommen.
Will Google nicht entscheiden müssen?
Das lässt jetzt für mich zwei mögliche Schlüsse zu:
- Es handelt sich um einen Schluckauf des Systems – irgendwann gleichen die Server ihre verschiedenen Stände ab, und dann muss eine Seite weichen.
- Google hat gar nicht vorgesehen, dass Seitennamen eindeutig sein müssen.
Die zweite Option hätte für Google einen immensen Vorteil: Das Unternehmen müsste sich gar nicht erst in das Minenfeld der Identitätsüberprüfung begeben, oder könnte sich versuchen, darum zu drücken: Wer das echte Coca-Cola ist? Lass das doch den Schwarm entscheiden – wer mehr Interaktion zu verzeichnen hat, ist vermutlich echt und bekommt einfach immer mehr Traffic.
Wenn’s denn so wäre, hieße das für kleinere Marken: Aufpassen – wer genügend Energie investiert, kann euch zumindest bei Google Plus eure Identität im Sozialen Netz streitig machen.
Anfrage bei Google läuft.
Nachtrag, 14.13 Uhr: Eben merken wir – selbst wenn wir wüssten, welche der beiden Seiten wir wieder löschen, könnten wir’s gar nicht – das ist offenbar noch nicht vorgesehen, zumindest finden wir’s nicht.
Nachtrag, 16.25 Uhr: Via – natürlich – G+ bekomme ich den Hinweis auf einen Post von Aljoscha Rittner: Die Verifikation funktioniert dann am Ende über einen Backlink auf das G+Profil – mit dem (Nerdalarm!) Attribut ‘rel=”publisher” ‘. Mehr [hier bei Google].
Und du, turi2…
…meinst es natürlich nur gut, wenn du heute auf den Artikel der Berliner Zeitung et al. verweist, in dem kurz das Open-Source-Netzwerk Diaspora vorgestellt wird. Nur, dass sich Diaspora allmählich zur Silicon-Valley-Startup-Variante von Robert Basics Buzzriders verwandelt: so ne Vorschusslorbeeren, aber wenig Konkretes.
Oder vielleicht bin ich auch nur etwas verschnupft, weil ich seit über einem Jahr auf eine Freischaltung warte, irgendwann eine “Im Oktober, ganz bestimmt!”-Mail bekam und als letztes einen verklausulierten elektronischen Bettelbrief. Drei Tage Zeit hat Diaspora ja noch, aber viel Vertrauen flößt mir das nicht ein in ein Projekt, in das ich wahrscheinlich viel zu große Hoffnungen projiziert habe.
Waiting…
