Jan Eggers

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Audio für die Generation Skip – Die Zukunft des Radios

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“Das Prinzip, dass man ein Geschäftsmodell, das zusammenbricht, selbst angreift, ist schwer zu vermitteln.
(Der Ex-Musikmanager Tim Renner in einem Interview mit mir zur Geschichte von MP3)

Ein Medienpreis, den ich hochverdient finde, nicht nur wegen der wunderbaren Modellbaukit-Optik: Der Radio-Remixer diy.fm ist eben mit dem Prix Europa ausgezeichnet worden – als beste Online-Innovation der teilnehmenden europäischen Sendeanstalten. Es könnte gut sein, dass dieser Preis den Prämierten etwas unangenehm ist: Die Entwicklerfirma TPC ist eine Tochter des Schweizer Rundfunks, und ausgezeichnet wurde sie hier für einen fröhlichen, unbeschwerten Angriff auf die Einheit der eigenen Radioprogramme.

Screenshot diy.fm

Was diy.fm sein möchte (und noch nicht ganz sein darf): Der Radio-Remixer für die, die mit ihrem Radio nie so ganz zufrieden sind. Das gab es offline in aller Unschuld als “Podcast-Mixer” vom BR, jetzt passiert der Remix dynamisch in Echtzeit. Man nehme: ein Radioprogramm als Grundlage (das darf gerne auch ein beliebiges Netzradio sein), dann klinke man beliebige Podcasts oder Live-Elemente aus dem Radio-Angebot des gebührenfinanzierten Schweizer Rundfunks ein. Zum Beispiel immer die Nachrichten zur vollen Stunde. Umgekehrt: Wenn ein Inhalt stört, kann man ihn überspringen – oder mit einem Klick auf eine “Später hören”-Liste schicken; diy.fm bringt die Anlage mit, ein Instapaper für Audio-Inhalte zu werden.

Das ungeliebte Kind

Ist diy.fm also nun das nächste große Ding? Bestimmt nicht, dazu ist das Konzept noch nicht ausgereift genug – und an manchen Stellen sogar künstlich beschränkt. Natürlich gibt es keinen technischen Grund, dass der Radio-Remixer nicht mit beliebigen anderen Inhalten arbeiten kann und sich von seiner SRG-Mutter komplett löst – und beispielsweise an das last.fm- oder Spotify-Konto eines Nutzers angeflanscht wird. Eine App, die auf dem Smartphone oder Tablet die Musikbibliothek des Nutzers einbindet, wäre ein unproblematischer Zwischenschritt. Aber auch das wird Radiomachern nicht gefallen: Hier entsteht ein Werkzeug, um das eigene Produkt zu filetieren und zu fragmentieren – eine Fragmentieren, vor der sie bislang die lineare Verbreitung über Antenne geschützt hat. Kein Wunder, dass die Entwicklung von diy.fm auf erhebliche Widerstände gestoßen sein soll – noch funktioniert das Geschäftsmodell des Radios ja.

Dabei ist diy.fm ein Kind der Liebe: Erdacht wurde es von Dominik Born, der erzählt, dass er aus dem Radio kommt und Radio liebt – und das Radio an einer ähnlichen Weggabelung sieht wie vor einigen Jahren die Musikindustrie: Was haben wir uns lustig gemacht, erinnert er, dass sie es nicht kapiert haben, wie man richtig auf die digitale Herausforderung reagiert – und sich wegduckten, bis es zu spät war. Uns, sinniert er, uns – und damit meint er das Radio insgesamt – droht das gleiche Schicksal. (Wer mir nicht glaubt, dass er damit offene Türen einrennt bei mir, oder wissen will, warum, dem darf ich diesen etwas älteren, dafür ausführlichen Essay empfehlen.)

Radio für die Generation Skip

Denn trotz aller periodisch wiederkehrenden Jubelmeldungen über steigende Verweildauern auch bei jüngeren Hörern (und Zuschauern!) – die nächste Generation von Mediennutzern wird deutlich weniger gewillt sein, Radio in seiner heutigen Form zu nutzen. Da bekommen wir es mit einer Generation Skip zu tun, beobachtet die Onlinerin eines Jugendradios – junge Männer und Frauen, die ganz selbstverständlich weiterspringen wollen – wenn möglich, ohne auf den Komfort eines analogen Programms zu verzichten. Und auf den “Ich-bin-im-Radio”-Effekt, das gemeinsame Versammeln um ein Lagerfeuer.

Das ist dann auch mein größter Kritikpunkt an der bisherigen Gestalt von diy.fm: Ein Radio, auch ein Bastelradio, ohne das Lagerfeuer bzw. ohne die Möglichkeiten, über die identitätsstiftenden Inhalte auszutauschen – das ist ein Kapitalfehler. Man kann ihn beheben – ebenso wie ein paar andere Probleme: wenn ein Sender will, kann er auch einen MP3-Stream mit ordentlichen Metadaten auszeichnen, Inhalte kategorisieren und taggen, gewissermaßen die API für den Audiostream öffnen. Dritten möglichst einfache Werkzeuge geben, das Programm in seine Bestandteile zu zerlegen, aus denen sich jeder seinen Nischeninhalt herauspicken kann. Mit der erschreckenden Transparenz über die tatsächliche Nutzung von Inhalten, an die sich Onliner gewöhnen mussten. Und insgesamt mit deutlich weniger Nutzern. Wie gesagt: solange das Geschäftsmodell funktioniert – warum sollte man?

Nachsatz 1: Ein ganz ähnliches Projekt entwickelt dem Vernehmen nach der schwedische Radiokonzern SBS.

Nachsatz 2: Nicht auszudenken, wenn jemand dieses Konzept aufs Fernsehen übertrüge! Wie, das gibt es schon?

Nachsatz 3: Eine Stunde hinter den Nominierungen des Prix Europa herzuklicken ist einer der effizientesten Wege, auf Ideenfang zu gehen für frische Konzepte. Und irgendwie sind die Schweizer die eifrigsten Prix-Europa-Blogger. Thomas Weibel hat auch in diesem Jahr auf englisch mitgepostet, im letzten Jahr gab es das famose Special des Schweizer Kulturradios DRS2.

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