Held der Recherche

Einem Kollegen von mir ist was wirklich Merkwürdiges passiert.

Holger Klein ist in der „Zeit“ zitiert. In einem sehr merkwürdigen Zusammenhang. Er wird quasi angeklagt, den Verdacht der Kinderpornographie gegen den Ex-SPD-Abgeordneten Jörg Tauss zu verharmlosen.

Nun muss man mit Holger Klein nicht übereinstimmen, auch in der Angelegenheit Tauss nicht. Aber der „Zeit“-Artikel hat eindeutig einen Zungenschlag; das zeigt sich auch da, wo er wertet. Eine No-Name-Partei wie die „Piraten“ erreicht 0,9 Prozent, und das ist „nicht sonderlich erfolgreich“? Eine zulässige Wertung, aber eine erstaunliche. Alle in einen Sack und immer drauf: Das ist auch einer Reihe erboster Kommentatoren aufgefallen.

Weshalb also ist Holger Klein als Zitatgeber in dem Artikel gelandet? Wie er zu Recht anmerkt, ist sein Zitat komplett aus dem zeitlichen Zusammenhang gerissen und taugt nicht recht, das zu belegen, was der Autor belegen will. Der Autor – ein tendenziöser Pfuscher?

Dieser Autor heißt Christian Denso, ist ausweislich seines Kurzporträts im Fachdienst kressköpfe Jahrgang 1971. Seine Arbeit als Polizeireporter fürs „Hamburger Abendblatt“ hat dafür gesorgt, dass er sich Am Fall einer alten Frau festgebissen hat, die von den Behörden entmündigt wurde. Das hat ihm 2007 den „Wächterpreis der Tagespresse“ eingetragen. Er kann.

Was also treibt den Mann um bei seinem „Zeit“-Artikel? Dass er, wie der betroffene Holger Klein anmerkt, ein Absolvent der Axel-Springer-Journalistenschule ist, reicht jedenfalls mir als Erklärung nicht aus. Auch nicht, dass Recherchefrontschwein Jürgen Roth ihn nicht mag. Was also steckt dahinter, dass er sich Holger Klein ausgeguckt hat? War mir ein Rätsel.

Bis mir klar geworden ist: der hat das Gleiche getan wie ich. Ein wenig gegoogelt. Und dann dem ersten satisfaktionsfähigen Trackback zum gewünschten Zitat gefolgt. Merkt ja keiner.Einem Kollegen von mir ist was wirklich Merkwürdiges passiert.

Zwitschern, füttern, einbetten – Alte Medien im neuen Netz

Unter diesem Titel durfte ich auf dem Frankfurter Tag des Online-Journalismus für meinen Sender einen Vortrag halten. Der FTOJ drehte sich um die Frage, wie man die Internet-Generation anspricht. Da ich für meine Präsentation erstmals das Mindmap-Überfliege-Tool Prezi verwendet habe, hatte ich mir Stichwortnotizen gemacht, die ich hier versuche, in einen Prosatext umzubiegen. Es galt das gesprochene Wort.

Prezi-Präsentation Jan Eggers zum FTOJ

Dafür, dass der Startseite dieses Blogs die Kommentarfunktion fehlt, bitte ich um Entschuldigung.

Die Generation Internet – wollen Sie wirklich wissen, was die über uns, die klassischen Medien, denken? Ich zeig’s Ihnen mal:

„Your Medium is Dying“ – so sieht uns die Simpsons-Figur Nelson Muntz. Wie gewinnen wir ihn, diesen Nelson? Das ist die Frage, der ich nachspüren möchte.

Dafür habe ich mir eine etwas ältere Variante von Nelson aus der wirklichen Welt geholt. Viel weiß ich nicht über ihn – aber doch so viel:

  • "Nelson" in der wirklichen Welt: Abbildung ähnlich. (c) Colourboxer ist ein „digital native“, das heißt: geboren 1980 oder später, mit Internet, Handy und Co. aufgewachsen; von daher stellt die Technik kein Hindernis für ihn dar,
  • er ist ein Kind des medialen Überflusses: alles ist zu bekommen, alles nur einen Klick entfernt, vieles kostenlos,
  • er ist tendenziell „always on“ (wenn auf diesem Foto auch nur analog per Handy).

Was erwartet Nelson von Medien, die er nutzt? Nein: Welche Bedingungen stellt er uns? Das, was jetzt kommt, ist ein informiertes journalistisches Konstrukt; erwarten Sie also bitte keine Medienforschung.

Welche Bedingungen stellt Nelson uns also? Diese:

  • Transparenz
  • Gemeinschaft
  • Autonomie
  • Entschiedenheit
  • die richtigen Codes.

Ich möchte diese Punkte nun einzeln erläutern und Ihnen Beispiele dazu zeigen, wie es Medien machen – oder auch nicht.

1. Transparenz

Transparenz

Was heißt das praktisch? Die erste Antwort der klassischen Medien darauf kennen Sie: Nutzerkommentare. Die Anbieter öffnen ihre Angebote für die Meinungen und Wertungen ihrer Leser. Nehmen wir als Positivbeispiel ein Angebot von Springer: Welt Online setzt seit einigen Jahren massiv darauf, den Eindruck der Dialogbereitschaft zu erwecken – dadurch, dass ich jeden Artikel sofort kommentieren kann, durch Wertungen, aber auch dadurch, dass das Wort „Debatte“ einen zentralen Platz in der Navigation hat und dort journalistische Kommentare, Blogs und Foren zusammenfließen. Der Erfolg: Anders als die gedruckte Welt, die immer noch Springers Geldgrab ist, hat Welt Online wachsenden Erfolg – und hat beispielsweise sueddeutsche.de 2008 klar überholt. Ob die Delle in der Nutzerstatistik bei sueddeutsche.de auch damit zusammenhängt, dass die Münchener in diesem Jahr meinten, ihren Nutzern Kommentare nach Dienstschluss sperren zu müssen – ehe da irgendeiner was Unschönes schreibt, sollten sie lieber gar nicht schreiben – und damit für ordentlich Ärger sorgte, darüber kann ich nur spekulieren.

Nun bietet uns das Internet zwar neue Werkzeuge; aber Hörermeinungen einzubinden, das tun Medien schon lange. Mein angestammtes Medium, das Radio, kennt seit je her die „Call-in-Show“ – eine Diskussionssendung mit Hörerbeteiligung über Telefon. Der Fernsehsender ABC hat daraus eine „Call-In-Sendung 2.0“ gebastelt: In der NightTline können Nutzer über Twitter ihre Meinung äußern – und der Moderator kann sie nach Belieben groß ziehen und so in die Sendung einbauen. Um so erstaunlicher, da „Nightline“ eigentlich eine ganz dröge, lineare „Sprechende Köpfe“-Sendung ist – mit einem Pro- und einem Kontra-Experten. Der Charme: Die per Twitter verfügbaren Zuschauermeinungen liegen ganz in der Hand des Moderators – und geben den Zuschauern trotzdem das Gefühl beteiligt zu sein. Mehr noch: wenn er den Verdacht hat, einer seiner Experten redet Unsinn, kann er das „crowdsourcen“ und kann hoffen, dass einer der Twitter-Nutzer das entscheidende Loch in der Argumentation entdeckt.

Beispiel für den Nutzen, den Redaktionen aus „user-generated content“ zu verweisen – wenn die BBC heute dazu aufruft, Informationen und Fotos einzuschicken, wundert das keinen mehr.

Nun ist das mit der Transparenz so eine Sache: sie wirkt nicht nur in eine Richtung. In gleichem Maße, in dem die Meinung der Nutzer in die Redaktionen eindringt, wollten sie auch sehen, was dort passiert. Darauf haben Redaktionen wie z.B. die der Tagesschau reagiert, indem sie Redaktionsblogs eingerichtet haben – in denen sie sich den Zuschauern zu erklären versuchen. (Dass Blogs als Publikationsinstrumente der Einzelkämpfer dafür vielleicht nicht sonderlich gut geeignet sind und einen „Oh, schon wieder ein Medienunternehmens-Blog“-Effekt auslösen, ist wieder ein anderes Thema.)

Nur: Wenn man einmal mit der Transparenz anfängt, sind die Nutzer so schnell nicht zufrieden zu stellen. Tun wir das, was Jeff Jarvis uns rät, Journalistikprofessor in New York: Fragen wir uns „Was würde Google tun?“ Google hat Erfolg im Internetzeitalter, Google hat die Internet-Welt begriffen – und Google tut etwas sehr spannendes – es stellt immer wieder unfertige Dinge vor. Beta-Produkte. Warum? Jeff Jarvis meint, das sei

„Google’s way of never having to say they’re sorry.“

Wenn wir wirklich davon lernen wollen – und Nelson gerecht werden – dann könnten wir klassische Medien über public beta auch im Journalismus nachdenken. Eine andere Arbeitsweise, „Prozessjournalismus“ oder „Betajournalismus“. Das steht allerdings zur Aura der Unfehlbarkeit, mit der sich die so genannten Qualitätsmedien gern umgeben.

Nochmal kurz zurück zur Tagesschau: Wenn die Kommentarhäufigkeit ein Kriterium ist für den Erfolg eines Blogs, wird das TS-Blog von einem regionalen ARD-Angebot locker geschlagen: dem Blog der RBB-„Abendschau“. Und das, obwohl dies Blog eigentlich nach klassischem Verständnis keins ist: Die Kollegen haben dort (früher) vor allem einen Teil ihrer fertigen Fernsehbeiträge eingestellt. Offenbar geht es bei diesem Angebot gar nicht um den Faktor Transparenz, sondern um einen weiteren – auf den wir jetzt zu sprechen kommen: die Herstellung von Gemeinschaft.

(Fortsetzung folgt)

Treideln im 21. Jahrhundert

Zu schön, um wahr zu sein – aber extrem gut erfunden. Ein Gleichnis, aufgeschnappt bei der British Press Association.

Einst lebten auf der Themse viele Flößer davon, Ware die Themse hinauf zu treideln. Mit der Muskelkraft ihrer Pferde und ihrer Körper schleppten sie ihre Kähne die Flussufer entlang und hatten ein Auskommen – bis die Dampflokomotive erfunden wurde und den Flößern schwer zusetzte.

Also setzten sich die Klügsten und Wohlhabendsten der Flößer zusammen und analysierten ihre Lage. „Mit Stevensons Lokomotive können wir nicht konkurrieren“, sahen sie ein – „sie ist stärker und zieht schneller. Kein Wunder, dass die Kaufleute die Waren lieber von Dampfmaschinen ziehen lassen.“

Und sie beschlossen, ihre Kähne künftig von Lokomotiven die Themse hinaufziehen zu lassen.

Späte Genugtuung

Dieser Artikel wurde am 6.5.09 aktualisiert – siehe unten.

Das hier habe ich dann doch mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen:

Die Bahn hat offenbar 2007 Schatten-PR betrieben gegen den Lokführerstreik – zum einen, in Form etwa von Meinungsäußerungen in Foren und „User“-Videos, zum anderen über die Berliner Politikberatungs-Firma berlinpolis GmbH, die indirekt von der Bahn einen Auftrag erhielt: Die Bahn hatte die Lobbyfirma EPPA bezahlt, und die hat wiederum berlinpolis mit einem Auftrag bedacht.

Nun ist diese Firma berlinpolis während des Lokführer-Streiks im Oktober 2007 prominent in Erscheinung getreten – mit einer Umfrage, mit der belegt werden sollte, dass die Deutschen den Streik allmählich satt hatten. Was ja so unwahrscheinlich nicht klang – schließlich dauerte der Streik schon über ein Vierteljahr an – und vermutlich kaum aufgefallen wäre, hätte nicht wenige Stunden davor der ARD-Deutschlandtrend das genaue Gegenteil behauptet: die Deutschen hätten mehrheitlich Verständnis für den Streik. Als amtierender Redakteur vom Dienst bei hr-iNFO hatte ich an diesem Morgen Gelegenheit und Zeit, mich darüber zu wundern, und – seltener Luxus: der Sache in Ruhe nachzugehen. Also fragte ich nach. Was nicht in das Radiostück zum Thema passte, konnte ich in einen Blogeintrag im hr-iNFO-Blog stecken, den ich hier als Arbeitsprobe archiviert habe, leider ohne die zugehörigen Audios, das Interview mit dem berlinpolis-Geschäftsführer hier: [media id=31 width=400 height=20] Der Eintrag hatte die Ehre, ganz gut verlinkt zu werden; leider gibt es das hr-iNFO-Blog nicht mehr (was wieder eine andere Geschichte ist).

Was ich damals weder beweisen noch behaupten konnte, sondern allenfalls vermuten konnte, scheint Lobbycontrol jetzt belegt zu haben: Als mir berlinpolis-Geschäftsführer Daniel Dettling damals am Telefon sagte: “Wir sind keine Bahn-Lobbyisten, wir sind Zukunftslobbyisten”, da hat er nicht die volle Wahrheit gesagt.

Die tendenziöse Umfrage übrigens scheint nicht mehr auf den Seiten von berlinpolis zu finden zu sein.

berlinpolis und das Netz – eine Anekdote am Rande

Was berlinpolis übrigens auch geändert hat, ist das Redaktionssystem hinter der eigenen Webseite – inzwischen tut dort das großmächtige Redaktionssystem „Typo3“ seinen Dienst, damals präsentierten sie sich über ein hübsch angezogenes WordPress-Blog. Das führte dann in Zusammenhang mit meinem Blogeintrag mit einem Seiteninhalt, der berlinpolis auch nicht wirklich recht sein konnte: Der Webmaster hatte zwar die Möglichkeit zur Kommentierung unter Seiten und Artikeln abgestellt – hatte aber vergessen, dass Kommentare nicht nur eingegeben werden können, sondern auch von anderen Blogs automatisch erzeugt werden – über den „Trackback“-Mechanismus. Und das führte dazu, dass unter all den berlinpolis-Seiten ausgerechnet die eine zur Umfrage ausgerechnet einen Kommentar enthielt – einen Verweis auf den kritischen Eintrag in unserem kleinen Blog…

Nachtrag, 14:24 Uhr: Lobbycontrol hat die Hintergründe der Bahn-Einflussnahme recherchiert und in einer Kurzstudie zusammengefasst. Hier zum Download: „Die verdeckte Einflussnahme der Deutschen Bahn“ [pdf]

Nachtrag, Stand 3.6.: Nachdem berlinpolis sich in der vergangenen Woche zu einem Dementi genötigt sah, das nicht nur nach Ansicht von Lobbycontrol keins ist, recherchieren eifrige Redaktionen weiter – und sind unter anderem bei mir gelandet: Ob sich der O-Ton von Herrn Dettling nicht doch irgendwo auftreiben ließe? Nun, sonst hebe ich eigentlich alles auf – in diesem Fall war’s aber reiner Zufall: auf einem der hr-online-Server in einem vergessenen und längst nicht mehr verlinkten Verzeichnis fand sich der Mitschnitt des Gesprächs mit dem berlinpolis-Gründer; hilfsbereiten Kollegen sei dank.

Testfahrt im Alpha

Nein, meinen Job habe ich noch nicht an eine Maschine verloren, aber es ist zu erahnen, dass das eines Tages tatsächlich möglich ist: Eine Maschine, die Material sichtet und daraus ihre Schlüsse zieht. Bisher stellt diese Maschine sich glücklicherweise noch ziemlich begriffsstutzig an.

Der Reihe nach: Seit heute abend habe ich einen Testzugang zu Wolfram Alpha, rund 24 Stunden vor dem Rest der Welt (und auch zu einer, wie der Anbieter betont, noch nicht fertigen Vorversion). Alpha versteht sich nicht als Suchmaschine – als Trüffelschwein im Informationsmorast, das aber nur ausgraben kann, was da schon gewachsen ist – sondern als „rechnende Wissensmaschine“, die Informationen kombiniert und daraus neues Wissen gewinnt.

Ein Beispiel: Wenn ich wissen will, was in Hamburg am Tag nach meiner Geburt für Wetter war, nützt es nichts, einfach nach Treffern für „Hamburg 1.12.1968 Wetter“ zu googeln: Die Seiten, auf denen meine Suchbegriffe vorkommen, werden die Information nicht enthalten. Ich muss erst selbst ein wenig Hirnschmalz investieren: Wo könnte die Information zu finden sein? Was suche ich eigentlich? Historische Wetterdaten. Zeitreihen von meteorologischen Stationen. Ämter könnten so etwas aufheben… oder? Gentlemen, start your engines.

Wolfram Alpha geht diese Schritte von allein. Die Maschine versteht, dass ich mit 1.12.1968 ein Datum meine – und dass ich als deutschsprachiger Nutzer erst den Tag schreibe und dann den Monat, anders als die Amerikaner. Dass ich vermutlich das Hamburg in Deutschland meine und nicht das im Staate New York. Dass es mir um Wetterdaten geht. Die Maschine bringt die drei Begriffe zusammen, durchforstet ihre Wissensdatenbanken – und spuckt aus, dass es am Tag nach meiner Geburt in Hamburg 4 Grad kalt war und – natürlich – geregnet hat.

Screenshot Wolfram Alpha-Test

Nun hätte ich danach auch einfach meine Mutter fragen können. Aber es geht ja auch weniger ums Ergebnis, sondern um Alphas erstaunliche Fähigkeit, Daten zu kombinieren. Diese Fähigkeit spielt derzeit immer noch innerhalb sehr enger Grenzen – und hängt natürlich davon ab, dass die entsprechenden Informationen in WAs Datenbasis vorhanden sind. Und da sind dann doch deutliche Lücken, wie der Test des Spiegel belegt. Auch kann einen die Maschine mit ihrer Begriffsstutzigkeit in den Wahnsinn bringen: Was ein Datum ist, weiß sie. Was der Papst ist, im Prinzip auch – aber wer an einem bestimmten Tag Papst war, das bekommt sie im Moment noch nicht zusammen. (Die Entwickler weisen darauf hin, dass sie die Art, wie WA mit seiner Verständnislosigkeit umgeht, noch massiv überarbeiten.)

Einige vorläufige Vermutungen lassen sich treffen:

Was Wolfram Alpha nicht ist: Ein Google-Konkurrent oder gar -killer. Das will die Maschine auch gar nicht sein: Sie greift nur auf ihre ausgewählten Wissensbestände zurück anstatt auf möglichst weite Teile des Internet. Und so kann sie eine Frage wie: „Wo ist der Papst?“ schon deshalb nicht beantworten, weil sie keine Zeitungen liest. Noch nicht – dass das durchaus möglich ist, zeigen zum Beispiel die Semantic-Web-Forscher.

Was Wolfram Alpha derzeit ist: Die ultimative Trivia-Maschine. „Wussten Sie schon, dass die Anzahl der Hochzeiten pro tausend Bürger sich in Deutschland in den letzten fünfzehn Jahren fast halbiert hat?“ Wer gerne mit derartigen Sätzen auf Parties glänzt, wird an Wolfram Alpha und iPhone seine helle Freue haben.

Was Wolfram Alpha bald sein wird: Der feuchte Alptraum aller Mathe- und Geschichtslehrer. Hausarbeiten im Handumdrehen – alles, was man braucht, ist ein internetfähiges Handy und ein wenig Geschick beim Eintippen der Fragen – und eine Schrift, die auch dann zu lesen ist, wenn man im Bus vom Mobil-Display abgepinnt hat.

Was Wolfram Alpha sein kann: Ein unverzichtbares Recherchetool, das einem einen gewaltigen Teil der Denk- und Sucharbeit im Netz abnimmt. Ich neige dazu, dem Erst-Rezensenten Nova Spivack zuzustimmen, dass WA vermutlich weniger ein Google-Killer ist als eine Art Wikipedia 3.0: Ein Werkzeug, um sich das Wissen der Welt in Sekundenschnelle zu erschließen – und neu zu kombinieren.

Im Augenblick ist davon noch nicht viel zu sehen. Das System hat so oft keine Antwort auf die scheinbar banalsten Recherche-Aufgaben, dass die meisten Neugierigen wohl schneller wieder das Interesse verlieren werden, als ich „Papst“ sagen kann. Und doch scheint gelegentlich diese mächtige Fähigkeit auf, Sinnzusammenhänge herzustellen und sie für die Auswertung von Daten zu nutzen. Das „Semantic Web“ rückt näher.Nein, meinen Job habe ich noch nicht an eine Maschine verloren, aber es ist zu erahnen, dass das eines Tages tatsächlich möglich ist: Eine Maschine, die Material sichtet und daraus ihre Schlüsse zieht.

Der Reihe nach: