Der magische Inspirations-Button

Lightbulb:  CC BY Matty Ring via flickr.com
Bright Idea

„1% inspiration, 99% transpiration.“ (Q)

Okay, Thomas Alva Edison war weniger Erfinder als ein skrupelloser Verkäufer, aber sein Rezept für Kreativität hat was. Denn das ist wahr: Kreativität kann man erzwingen. Die Upworthy-Methode – 25 Überschriften zu ein und demselben Thema schreiben – ist ein Beleg dafür: Den inneren Zensor mit Gewalt ausschalten, indem man ihn zermürbt – das führt wirklich zu Ideen, die man sich nicht zugetraut hätte.

Wo aber bekommt man das eine Prozent Inspiration her?

Eine gute Quelle ist manchmal schlicht: der Zufall. Wortwürfel – zum Beispiel Storycubes – sind nicht nur ein schönes Partyspiel, sie liefern manchmal frische Ideen, und manchmal bieten sie den Nährboden, auf dem bereits vorhandene Ideen-Keime Wurzeln schlagen und aufblühen können.

Für uns Netzarbeiter muss es aber natürlich ein digitales Tool sein – und dafür möchte ich eins empfehlen, das ich den wunderbaren Onlinern und Onlinerinnen von Radio Fritz verdanke: Den magischen Knopf der Viralschleuder-Seite „The Key of Awesome“. Der bringt den Ideensucher per Klick zu immer neuen Motiven, die Assoziationen nur so erzwingen – wer da nicht auf neue Gedanken kommt, braucht wirklich mal Urlaub (und hat wenigstens 5 Minuten lang unterhaltsam prokrastiniert). Eine andere Möglichkeit ist die „Entdecken“-Funktion von Flickr – wer’s zeitgemäßer mag, kann zwischen beliebigen Periscope-Streams oder Storehouse-Stories hin- und herspringen. Aber bitte von vornherein mit strengem Zeitlimit!

Enge hilft

Wenn man mit dem Zufall neue Möglichkeiten aufgetan hat, hilft es, die wuchernden Verzweigungen wieder zu kanalisieren. Man kann sich zum Beispiel einen Denk-Hut aufsetzen oder – noch einfacher in eine Rolle schlüpfen: was würde ein überkorrekter Beamter aus dieser Idee machen? Was eine frisch verliebte Bibliothekarin? Ein wütender Radfahrer? Ein Landei? Mein Bürogenosse? Auch Schablonen, Formate und andere stilistische Korsette helfen – Constantin Seibt hat dazu alles Sagenswerte gesagt, und das viel schöner, als ich (oder praktisch jeder andere deutsche Ratgeber) es je könnte.

Und das wusste ja schon Nietzsche:

„Freiheit in Fesseln – eine fürstliche Freiheit.“ (Q)

Spielen wir mal Fernsehen: Live mit Meerkat

Meerkat-Anmeldebildschirm: "Tweet Live Video".

Kurz ein paar Erkenntnisse aus einem kleinen Experiment mit der Livestreaming-App für den sendungsbewussten Twitterer. Seit einem Update letzte Woche läuft die App auch auf meinem iPad rund. Dann ein Anlass: Auf dem LPR-Forum Medienzukunft hatte ich nach dem Vortrag des „Krautreporter“-Chefredakteurs Alexander von Streit noch reichlich Fragen – und dachte mir: die kann ich ihm gleich auch vor einem kleinen Publikum stellen. (Dazu demnächst mehr.) Also in der Pause zu ihm hin, den Rahmen besprochen – und angefangen.

Das Schöne an Meerkat: Man muss sich über nichts Gedanken machen; einfach eine Schlagzeile für den Livestream eintippen – die die App dann gleich twittert – und los.

Ein paar Dinge musste ich dann doch lernen:

  • Unbedingt hochkant filmen. Ja, wir Medientypen haben eine tief sitzende Abneigung gegen das „Vertical-Video-Syndrom„. Im Mobile-First-Zeitalter sollten wir sie zumindest infrage stellen – und mit Meerkat ist sie ganz schön gefährlich: Wenn man wie gewohnt querformatig filmt, sieht das zwar – zumindest auf dem iPad – ganz passabel aus. image
    Die Nutzer sehen aber nur eine auf Hochkantformat beschnittene Version: image
    Und das ist in einem Gespräch ziemlich ärgerlich: wenn man sich nach dem Querformat-Bild richtet, filmt man konsequent zwischen den beiden Gesprächspartnern durch.
  • Kenne Dein Publikum. Wie viele seiner Follower erreicht man mit einem spontanen Aufruf, doch mal einem Live-Gespräch zuzuschauen? Bei mir war es – immerhin – eine Handvoll, darunter ein, zwei Teilnehmer der Konferenz, auf der ich gerade war. Das wird auch nicht grundsätzlich anders sein, wenn man eine weitere Meerkat-Funktion nutzt und den Stream vorher plant und ankündigt – abgesehen von einigen wenigen Fällen, in denen ein Reporter mitten in einem Nachrichten-Ereignis steht und sendet, hat ein Meerkat-Stream mehr mit einem Hangout unter Experten gemein als mit einer Social-TV-Live-Sendung.
  • Trotzdem: öffentlich. Ein Meerkat-Stream ist also in der Regel kein Massenmedium, es fühlt sich trotzdem so an. Mein Gesprächspartner und ich sind automatisch in die Frage- und Antworthaltung zweier Menschen verfallen, die auf einem öffentlichen Podium sitzen.
  • Auf @replies bei Twitter achten. Charmant ist, dass Kommentare zum Stream bei Twitter direkt von der App eingeblendet werden – aber nur, wenn der Absender direkt auf den „|LIVE NOW|“-Tweet antwortet, nicht wenn er mir einfach so eine @reply schickt. Schade, wenn ein interessantes Feedback auf den Stream durchrutscht, weil der Nutzer formlos zurückgetwittert hat und ich die Twitter-Benachrichtigungen ausgeschaltet habe.
  • Aufzeichnung mitdenken. Sehr praktisch ist, dass Meerkat nach Beendigung des Streams anbietet, einen Mitschnitt lokal aufzuheben – im Netz sollen nach Aussage der Meerkat-Macher allenfalls Sekunden des Streams aufzufinden sein, auf dem iPad kann ich sie aufheben. Was ein schönes Transparenz-Szenario für Mobil-Reporter ermöglicht: Das Gespräch mit einem O-Ton-Geber live streamen, den Mitschnitt für O-Töne auswerten. Das hülfe dem Gegenüber auch, zu verstehen, dass es nicht nur mit mir spricht, sondern mit einem Publikum.

Was Meerkat definitiv fehlt, ist eine Android-Variante der App – und offensichtlich auch die Liebe von Twitter: nachdem Twitter ein Startup übernommen hat, das eine Meerkat-ähnliche Technik bastelt, drehte der Konzern Meerkat den Zugang zu einem Teil der API ab – auf die „Soundso-ist-jetzt-bei-Meerkat“- und „Dein-Twitter-Freund-soundso-sendet-gerade“-Benachrichtigungen muss man also in Zukunft verzichten.

Trotzdem meine ich, dass Meerkat einen Blick lohnt oder auch zwei – ganz besonders für die Einsatz-Szenarien „Live-Reporter mittendrin“, „Experten fragen, Experte antwortet“ und Mobile Reporting.

Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen

Goldenes Buch CC BY chatchavan via flickrBitte nicht weiterlesen – trotz des unwiderstehlichen 11-Punkte-Versprechens: es handelt sich um eine Seminararbeit. Entstanden im Seminar zur Zusammenarbeit in crossmedialen Teams, das ich für die ARD-ZDF-Medienakademie anbiete – aus dem verständlichen Wunsch der Teilnehmer heraus: ja, alles sehr schön mit dem Medienwandel, aber welches sind meine Werkzeuge? Ich habe daraufhin versprochen, meine ganz persönliche „Goldene Liste“ vorzustellen von Netztools, die man meiner Meinung nach kennen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert als Journalistin oder Journalist arbeiten will. Continue reading „Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen“

Lieblingslinks zur Wochenmitte

Deren drei heuer:

Herzen im Weinglas

1. Der selbstgebaute Restaurantwarner-Twitter

Wie kann man eine beliebige Webseite in einen RSS-Feed (und damit indirekt auch in ein Twitter-Account) verwandeln? Eine genial einfache Anleitung hat der junge und äußerst umtriebige Journalist Max Zierer in seinem Blog abgelegt – am praktischen Objekt: er hat nachgebaut, was eine Informationsseite der bayerischen Landesregierung mit Lebensmittelwarnungen nicht bietet – einen RSS-Feed und das Twitter-Account @mahlzeit_by.

Dieses Rezept war derart leicht nachzukochen, dass es keine Dreiviertelstunde dauerte, um eine ähnliche Informationsseite des hessischen Verbraucherministeriums zumindest mit einem RSS-Feed der neuesten 10 Meldungen auszustatten: in den Quellcode der obigen Seite geschaut, eine per iFrame eingebette nackte Tabellen-Seite entdeckt, die an den famosen Dienst feed43 übergeben und eine Schablone zur Auswertung der Seite geschrieben:

Error: Feed has an error or is not valid.

2. Das Handbuch für den Twitter-Nachrichtenmannmenschen

 Storyful – nicht zu verwechseln mit Storify –  ist ein Startup mit einer Redaktion, die sich dem „Social Newsgathering“ verschrieben hat; dem Einsatz von Twitter, Youtube, Facebook und Co. als Quelle für Nachrichten. Etwas, das jede aktuelle Redaktion können sollte; die Storyful-Reporter tun etwas dafür: sie bieten ein kostenloses E-Book zur Echtzeit- und Online-Recherche in den sozialen Netzen an.

Das Dokument, erhältlich als PDF ebenso wie als iBook, ist unheimlich nützlich, weil es eine Menge praktische Beispiele bietet: Wie suche ich in einem Video aus Syrien nach Manipulations-Spuren? Wie kann ich den spektakulären Youtube-Film eines Blitzeinschlags für meine TV-Nachrichtensendung suchen? Und vieles mehr. Das Ganze passt sehr gut zu meinem 15-Minuten-Quellencheck-Raster; den einen oder anderen Tipp werde ich in der nächsten Überarbeitung aufgreifen.

(via 120sekunden, Martin Giesler)

3. Die vielen Hüte eines Community Managers

Infographic: The Many Hats Of A Community Manager

Am Montag war allem Anschein nach „Community Manager Appreciation Day“, also „Hab-deinen-Community-Manager-lieb-Tag“. Einer dieser Gedenktage, die Lobbygruppen aller Arten, Flughöhen und Kassenstände in die Welt pusten, in dem sicheren Wissen, dass wir Journalisten nicht widerstehen können. Ich auch nicht – genau genommen kann ich dieser Grafik der Kundenplattform Getsatisfaction nicht widerstehen: Was ein Community-Manager alles leisten muss.

(via Tom Noeding)

Ganz neu: Der 15-Minuten-Quellencheck

Wer Quellen im Netz nicht prüft, läuft Gefahr, sich zum Narren zu machen – drastische Beispiele gibt es genug. Und wer nicht sorgfältig recherchiert, ob eine Twitter-Quelle oder eine Webseite oder ein Blog auch vertrauenswürdig ist, macht seinen Job nicht richtig und bestätigt gängige Vorurteile der (pardon) Netzgemeinde. Unbegrenzt Zeit haben Journalisten allerdings auch nicht – und letzte Sicherheit wird man ohnehin oft nicht bekommen.

The Fool - alte Tarotkarte (CC-BY leiris202/Flickr)

Von Marcus Lindemann stammt daher die wunderbare Idee der 15-Minuten-Recherche, die ich mit einem Prüfschema von Paul Bradshaw verheiratet habe – er schlägt vor, immer „Content, Context, Code“ zu prüfen. Herausgekommen ist eine Handreichung mit Recherchefragen, die man in etwa 15 Minuten prüfen kann – es gibt also keine Entschuldigung mehr. Wir – meine hoch geschätzten Kollegen Nils Elbert, Patrick Krämer und ich – haben sie bei unseren Seminaren im hr zur Recherche im Social Web verteilt. Allerdings war sie nicht sehr gut und auch nicht vollständig – das wurde mir klar, als ich die vorbildlichen Faktencheck-Tipps von Konrad Weber gesehen habe. Deshalb war es höchste Zeit für eine gründlich überarbeitete Version.

In der Überarbeitung habe ich versucht, das Dokument so übersichtlich wie möglich zu halten – und nutzwertig: Unter den Recherchefragen sind jeweils ein paar Links zu Werkzeugen aufgeführt, die helfen sollen, sie zu beantworten. Das Ganze in eine Seite gepackt, die man sich auf den Desktop legen kann – oder zur Not auch ausdrucken.

Und bitteschön, zum Bookmarken:

Der 15-Minuten-Quellencheck V2.0 (auch als PDF-Datei)

Er steht unter CC BY-SA-Lizenz – und ich hoffe, dass mich so noch der eine oder andere Verbesserungsvorschlag erreicht. Oder Kritik.

Noch ein Wort zu Tools

Tools sind verführerisch:

All diese Punkte führen aber dazu, dass viele Sammlungen zur Recherche viele Links enthalten, die für die praktische Arbeit in der Redaktion praktisch ohne Bedeutung sind – weil sie die gestellte Recherchefrage nicht wirklich beantworten. Ich habe deshalb versucht, mich auf die einfachen und praktikablen zu beschränken. Ganz gelungen ist es mir leider nicht.