Breaking Non-News: Wie man im Krisenfall kühlen Kopf bewahrt

Die Nachrichtensender haben eine Handvoll Moderatoren und eine Handvoll Reporter. Die mögen glaubwürdig wirken, aber das Ganze ist weit davon entfernt, eine solide Recherchemaschine zu sein. Was die Nachrichtensender haben, ist ein Stall voll Producer. Deren Hauptjob ist, Experten und Kommentatoren heranzubaggern. Die mögen einen Ruf haben und geschminkt sein, aber im Prinzip raten sie nur herum.

„Broken News: How To Get Through A Major Cable TV News Event“, guardian.co.uk

Falschmeldungen über Verhaftungen, äußerst spekulative Opferzahlen oder – wie im Beispiel, das der Late-Night-Comedian Stephen Colbert aufspießt – die Hexenjagd auf Unbeteiligte: Die Anschläge von Boston haben gezeigt, wie hilflos viele Nachrichtenmedien im Zeitalter von Twitter agieren. Die Informationen sind da draußen, jeder twittert darüber – sollen wir also nicht auch darüber berichten? In dieses Dilemma geraten Online-Redaktionen spätestens dann, wenn sie ein Ereignis über einen Liveticker begleiten wollen, die Onliner-Version des 24-Stunden-Nachrichtenfernsehens.

Es gibt gute Argumente, die gerade in Breaking-News-Situationen für Ticker sprechen:

  • Es gibt eine starke Nutzer-Nachfrage nach Live-Tickern.
  • Die Berichterstattung mit Social Media anzureichern bietet einen echten Mehrwert – zumal der Nachrichtenstrom bei Twitter den Agenturmeldungen in manchen Belangen und Situationen klar überlegen ist.
  • Drittquellen und user-generated content erhöhen die Anzahl der Blickwinkel auf ein komplexes und unübersichtliches Ereignis.
  • Nutzer, deren Tweets und Kommentare eingebunden werden, fühlen sich ernster genommen – das steigert die Identifikation und die Glaubwürdigkeit.

Auf der anderen Seite stehen erhebliche Risiken:

  • Es ist praktisch unmöglich, keine Fehler zu machen – die Schwierigkeiten, Quellen in Echtzeit zu verifizieren, waren ja schon ausführlich Thema hier.
  • Es droht die Beliebigkeit: wenn der Ticker gegenüber dem automatisierten Nachrichtenstrom keinen Mehrwert bietet, haben die Journalisten wieder ein Stückchen Existenzberechtigung aufgegeben.

Nachrichtenregeln – etwa die Bedingung, dass zwei unabhängigen Quellen vorliegen müssen – helfen nur bedingt, wenn das Netz von Gerüchten schwirrt; Fehler werden trotzdem passieren; die Abgrenzung ist häufig schwierig: muss ich etwas zum Thema machen, einfach weil inzwischen sowieso jeder davon gehört hat, auch wenn ich es nicht verifizieren kann?

Die Unsicherheit zum Thema machen

Der folgende Vorschlag greift eine Anregung des Journalismus-Vordenkers Jeff Jarvis auf: es könnte helfen, Breaking-News-Seiten bauen, die von vornherein die Unsicherheiten in der Berichterstattung berücksichtigen und den Nutzern klar Aufschluss darüber geben, was man wissen muss – und was man nicht wissen kann.

Liveseite - oben Infokasten "Was wir wissen, was wir nicht wissen", Liveticker, Tabs für Hintergrundartikel und Quellen
Entwurf einer Breaking-News-Seite zu einem fiktiven Ereignis: schneller Überblick über die Fakten – und über die Lücken, Liveticker mit Einbindung von Drittquellen und user-generated content, Platz für Hintergrundartikel und Links zu Echtzeit-Quellen.

Der Mehraufwand gegenüber einem herkömmlichen Live-Ticker ist gering: Gepflegt werden muss der Überblickskasten und die Quellen-Liste; der Rest liegt ohnehin vor. (Überblickskästen zu Tickern sind natürlich nichts Neues: hier ein Beispiel der BBC aus dem Jahr 2011.)

Auf Social Media und Ticker ganz verzichten?

Accuracy is always supposed to trump speed in reporting, but it’s hard to be the last to report a major development.

Der Ex-CNN-Moderator Ali Velshi über Quellen, Gerüchte und Live-Nachrichten, qz.com

Soll man im Sinne nachrichtlicher Seriösität also nicht lieber strenge Informationsdiät pflegen? Wo wir doch wissen, dass Informationsschnipsel uns nicht klüger machen, sondern dümmer? Verzichten auf hechelnde Aktualität, auf Geräusch und Gerausch aus dem Sozialen Netz – verzichten auf kuratierende Ticker ?

Meiner Meinung nach hieße das: das Kind mit dem Bade ausschütten. Zum einen lösen große Nachrichtenereignisse bei uns ein schier unstillbares Bedürfnis aus, mehr zu wissen – deshalb funktionieren Liveticker so gut. Daran ist meines Erachtens nichts Verwerfliches, wenn wir Journalisten den Service leisten, den Nachrichtenstrom einzuordnen und Orientierung zu bieten. Ohnehin: der klassische Ansatz, auch online gewissermaßen in Zeitungsartikel-Form zu berichten, hat andere  gravierende Schwächen. Und als digitaler Journalist sollte man der Versuchung widerstehen, wieder einmal einen Gegensatz zwischen Profi-Journalisten einerseits und Stimmen von Nutzern im sozialen Netz zu konstruieren – und ehrlich sein: hat das nicht vielleicht doch auch damit zu tun, dass wir uns mit Kritik und Anregungen schwer tun?

Breaking News in Social Media
Social Media und herkömmliche Medien hängen voneinander ab: Der Programmierer und Designer Hong Qu hat für den Journalismus-Thinktank Nieman Lab die Nachrichten über die Anschläge von Boston analysiert. [Klick aufs Bild führt zum Quell-Artikel]
Online bietet sich die Chance, die blinden Flecken auszuleuchten, die Nachrichtenberichterstattung häufig hat: Nutzer sollen Orientierung bekommen, sie sollten benannt bekommen, was derzeit niemand wissen kann, und sie sollten erfahren, wie und aus welchen Quellen die aktuellen Nachrichten zustande kommen. Das ist, zugegebenermaßen, nicht vom Ticker abhängig – aber gerade beim Einsatz eines prozessjournalistischen Tools wie ScribbleLive oder Storify um so wichtiger.

„Üben, beten und Reserven haben“: Wie Techblogger livebloggen

Hochinteressanter Artikel im Journalismus-Think-Tank Nieman Lab: Anlässlich der Vorstellung des neuen iPad hat ein Reporter dem Tech-Blog Gizmodo dabei zugesehen, wie es sich auf dieses Ereignis vorbereitet. Und daraus lässt sich eine wunderbare Checkliste ableiten, wie man sich tunlichst auf Streamjournalismus vorbereite:

  • Ein Team bilden. Neben den eigentlichen Livebloggern besteht dies bei Gizmodo aus Poolreportern, die vorbereitetes Material aufarbeiten – dazu gleich mehr – und Flankenschutz: Gizmodo versucht, so viele Kollegen wie möglich für das Apple-Event zu akkreditieren, um gewappnet zu sein.
  • Material vorbereiten. 95% des Hintergrundmaterials ist vorgeschrieben und wird nur kurz überarbeitet, ehe es parallel publiziert werden kann – im Beispielfall Apple werden im Prinzip Erzeugnisse der Gerüchteküche aufgewärmt.
  • Tools für reibungslose Medien-Uploads einrichten. Die Blogger verwenden viel Hirnschmalz darauf, Kameras und auch Reporter-iPhones so mit ihren Rechnern zu vernetzen, dass sich Bilder, Filme und Töne ohne viel Aufhebens direkt hochladen und einbinden lassen – ohne dass jemand sie von Hand anpassen muss.
  • Trainingsläufe. Wenn das Team steht, organisiert und seine Werkzeuge kennt, wird geübt – mit einem Video vom letzten Jahr in Echtzeit.
  • Eigene Erzählhaltung entwickeln. Die Persönlichkeit der Live-Blogger prägt das Produkt.
"Da hat sich unser Live-Ticker gerade verabschiedet. Und wir haben die ganze Zeit ins Leere geschrieben." ifun.de hatte aber einen Plan B - und so konnte es weitergehen.
Und da war CoverItLive weg - ifun.de hatte aber einen Plan B.

 

Ein letzter Punkt ist auch wichtig: einen Plan B haben. Kostenlose Werkzeuge wie Storify – oder Twitter – fallen unter Last schon mal aus. Selbst teure Profi-Werkzeuge wie CoverItLive können aus irgendwelchen Gründen wegfallen, wie es offenbar den Livebloggern von ifun.de passiert ist.Und selbst der Chef des Konkurrenten ScribbleLive (den wir beim hr übrigens auch einsetzen) hat das Mantra „Üben, beten, Reserven haben“.

 

#socialmedia #klugscheisser: Ein Storify-Rant

Kleine Kuratierschau: WordPress statt Storify? und: Grundsatzfrage als Modefrage

Das passiert ja nicht oft, aber ich glaube, diesmal liegt Claus Hesseling daneben: Er empfiehlt, als Plattform für Streamjournalismus nicht Storify zu nutzen, sondern ein WordPress-Blog entsprechend aufzurüsten – mit Plugins zur Twitter-Integration, für Videos, für Google Maps und für Fotos per Drag&Drop. Im Zuge meiner eigenen bescheidenen Experimente mit Storify und Co. halte ich das aber für keinen gangbaren Weg – aus ganz einfachen, praktischen Gründen.

Reibungsverluste im Klein-Klein

Nehmen wir mal an, eine Nachrichtenredaktion wolle mit Streamjournalismus experimentieren – Themen, für die ein oder mehrere Ströme die geeignete Form sind, drängen sich geradezu auf: Streiks im Nahverkehr, ein Großunfall auf der Autobahn oder im Chemiewerk, Sportereignisse, das nächste „Schneechaos„… you name it. Aber wenn ein solches Ereignis da ist, ist es zu spät zum Üben: Da möchte man sich nicht auch noch mit einem neuen Werkzeug herumschlagen.

Also muss sich die Redaktion langsam an die neuen Techniken herantasten – und da ist es entscheidend, dass dieses Herantasten Spaß macht. Quasi nebenbei passiert. Kuratieren mit WordPress passiert nicht nebenbei – dafür muss man einfach zu viele URLS und Textschnipsel hin- und herkopieren, selbst mit geeigneten Plugins. Von der Eleganz, mit der ich Fundstücke bei Storify losströmen lassen  kann, sind sie weit entfernt – und richtig eklig wird’s, wenn „breaking news“ alles über den Haufen werfen und ich auf einmal den gesamten WordPress-Post umkrempeln muss, weil das Neueste nach oben soll.

Es ist vielleicht nicht viel, was das Arbeiten bei Storify und in WordPress voneinander unterscheidet – hier ein Klick, dort ein Control-V-Control-C – aber diese winzigen Reibungsverluste kosten Nachrichtenredakteure im Ernstfall Nerven. Der Bereitschaft, sich nebenbei mit einer neuen Form und einem neuen Werkzeug zu beschäftigen, sind sie jedenfalls abträglich – und die ist bei den unter hohem Druck stehenden Kollegen ohnehin meiner Erfahrung nach nicht sonderlich hoch.

Was aber…

…alles nichts daran ändert, dass Claus Hesseling sich ja zurecht den Kopf zerbricht, warum man schon wieder ein Stück Kontrolle über eigene Plattformen aus der Hand gibt und auf einen Gratisanbieter irgendwo in der Cloud verlagert, wenn auch einen mit journalistischen Credentials.

Und woran es auch nichts ändert: Ums Kuratieren, um die Integration des Erzählens im Strom in unsere Plattformen und Abläufe, müssen wir uns alle so unsere Gedanken machen – da bin ich ganz bei Dirk von Gehlen, der elegant und leichtfüßig auf den polternden Anwurf geantwortet hat, Journalisten sollten gefälligst recherchieren und nicht kuratieren:

Hier will sich jemand nicht länger sagen lassen, dass sein Beruf sich ändert. Hier will jemand gegen Mode-Worte aufbegehren. Doch dabei verrutschen die Begriffe. Er zielt auf die Mode, trifft aber die Kleidung. […]

Im Netz gibt es ein Zuviel an Informationen und ein Zuwenig an Orientierung. Da ist journalistisches Gewichten bedeutsamer denn je. Deshalb sollte man nicht auf das Prinzip des Beinkleides schimpfen, nur weil einem eine spezielle Hose nicht gefällt – sonst steht man ganz schnell nackt da.