Wenn der Zuschauer zurückfunkt: Anatomie des Modeworts „Social TV“

Thema auch auf der re:publica 2012: Social TV - hier in der Präsentation mit Uwe Schnepf von nacamar. Interessantere re:publica-Erkenntnis: Auch der Social-Media-Riese Twitter sucht sein Glück in der Social-TV-Nische.

 

Einen ersten Eindruck vom „1. Social TV Summit“ letzten Donnerstag in München hatte ich hier schon festgehalten – Richard Gutjahrs Erfahrungen aus vier Wochen „Rundshow„. Die Innenansicht aus dem Social-Media-TV-Labor war für mich der spannendste Ertrag des Tages, aber nicht der einzige.

Zunächst lohnt es sich festzuhalten, dass verschiedene Menschen unter „Social TV“ völlig verschiedene Dinge meinen. „Soziales Fernsehen“ (als ob es Fernsehen ohne „sozial“ gäbe!) meint eigentlich mehrere Dinge:

  • Community: Zuschauer kommunizieren mit Zuschauern über die Sendung – die Twitter-Lästereien während des Eurovision Song Contests sind ein Beispiel.
  • Seitenkanäle: Ein Informationsstrom mit Zusatzinformationen, etwa ein Ticker, häufig über Twitter; gleichzeitig als Rückkanal nutzbar, also eine Social-Media-Zuschauerredaktion – aktuelles Beispiel ist der Twitter-Kanal @sportschau_em12. (Offenlegung: Ich kenne die ARD-Kollegen sehr gut.)
  • Feedback: Zuschauer kommunizieren mit den Fernsehmachern und nehmen Einfluss aufs Programm – live und interaktiv, oder auch über Bewertungen. Wie weit das gehen kann, hat die „Rundshow“ vorgeführt.
  • Social EPG: Der Zuschauer bekommt Programmempfehlungen – aus den Interessen des Umfeldes und dem eigenen Erfahrungen destillieren Algorithmen eine personalisierte Programmzeitschrift.

Ein paar weitere Ideen klammere ich für den Moment aus: etwa die Möglichkeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt gezielt Inhalte in den Social-Media-Stream zu pushen – Aufrufe, Information, Werbung, Gewinnspiele. Überhaupt: die Idee der „gamification“ des TV-Programms, der Interaktion in Form von Social-Media-Spielen, bei denen eifrige und treue Zuschauer Punkte sammeln können.

Es geht gar nicht einfach genug

Ja, Social TV ist keine Zukunftsvision, sondern Alltag – die BLM zitierte aktuelle Zahlen, wonach in Bayern gut ein Sechstel der 14- bis 19-jährigen beim Fernsehen nebenher kommentiert und Informationen anzapft. Größtenteils mit dem Laptop übrigens, denn Smartphones und Tablets sind teuer. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass das iPad in seiner Bedeutung als „second screen“ bzw. „companion screen“ überschätzt wird – und dass die Anbieter von Social-TV-Lösungen gern verdrängen, wie weit der Graben zwischen der volldigitalisierten Jugend und den Technikfanatikern einerseits und der Masse der Zuschauer andererseits noch ist. Social-TV-Apps wie Couchfunk wollen erst einmal verstanden sein – beim Moderator Michael Praetorius floss das in die hübsche Empfehlung, die Sender müssten ihre Zielgruppe nachdigitalisieren.


Von daher war der Aufgalopp von Social-TV-Startups bei der BLM informativ, aber nicht erhellend – zumal mich die Ahnung beschlichen hat, dass praktisch kein Konzept die nächsten fünf Jahre überleben wird. Social TV fühle sich ein wenig so an, wie Smartphones sich vor dem iPhone angefühlt hätten, spöttelte ein Google-Vertreter auf dem Podium, und jedem war klar, was er meint: Es geht einfach nicht einfach genug. Gerade weil die Kernzielgruppe auf dem Sofa lümmelt. Gerade weil TV ein Lean-Back-Medium ist – daran ändern auch die Interaktionsmöglichkeiten nichts. Und dass Richard Gutjahr das meiste Feedback für seine Sendung über eine geradezu berückend einfache App bekam und nicht über Web-Kommentare, ist ein Beleg dafür.

Am ehesten hat das meiner Beobachtung noch myTV begriffen; hinter einer Menge hochmoderner Buzzwords wie „minimum viable product“ und „Check-in App“ versteckt sich ein bestechend schlichtes Konzept: Sag Facebook, was du gerade guckst – mit einem Klick – und dann kannst du die Sendung kommentieren; gemeinsam mit deinen Facebook-Freunden, gemeinsam mit allen anderen Interessierten.

Fast unheimlich gut ergänzt würde das von der Technik, die Yahoo in seine Social-TV-Anwendung „IntoNow“ eingebaut hat: Welches Programm der Zuschauer gerade eingeschaltet hat, erkennt die Software, indem sie lauscht – und den mitgeschnittenen Fernsehton mit dem Programm der Sender abgleicht. Das lästige Einchecken im Programm fällt weg. Fußnote: Wenn ein Sender Interaktionsmöglichkeiten mit „seinem“ Publikum möchte, muss er eine Kooperation mit Yahoo eingehen.

Brauchen wir dann noch Sender?

Richard Gutjahr sprach in der Abschlussrunde einen Aspekt an, der für die Sender sehr beunruhigend ist: Es ist nicht gesagt, dass der Sendername wirklich das ist, was die Zuschauer zieht. Tatsächlich interessieren uns Inhalte: Das Gemeinschaftserlebnis fokussiert sich im Zweifelsfall eher auf die Lieblingsserie als auf den Kanal, der sie ausstrahlt. Der wird sowieso spätestens dann uninteressant, wenn ich über den Social EPG auf neue Inhalte gestoßen werde – und sie per Klick vom Studio direkt beziehen kann anstatt auf die lineare Ausstrahlung zu warten.

Punkten kann man also mittelfristig im Social TV nur mit Eigenproduktionen. Am besten live.

Ein (noch etwas unfertiges) Storify des Social-TV-Summits gibt’s hier.

Was bleibt von der „Rundshow“, Richard Gutjahr?

Twittern zum Tatort – das heißt jetzt Social TV: Zuschauer tauschen sich während einer Sendung übers Netz untereinander aus, und im Idealfall beteiligt sich das Medium selbst nach Kräften. Aktuell tun das einige sehr geschätzte Kollegen bei der Sportschau rund um den ARD-Livestream zur Fußball-EM (und dann twittern sie noch wie wild unter @sportschau_em12). Social TV ist zum Trendwort geworden, zusammen mit dem Begriff vom „second screen“ (das Smartphone oder Tablet, über das man eben beim Fernsehen Twitter oder Ähnliches nutzt).

Nun darf man bei „Social TV“ misstrauisch sein, wie bei allen Buzzwords: Richard Gutjahr spöttelt, dass er glaubt, diese Worte werden nur erfunden, um Konferenzen zu verkaufen, verbirgt sich dahinter oft eine mit viel heißer Luft aufgeblasene schlichte Idee. Andererseits: Richard Gutjahr hat gerade vier Wochen lang vorgeführt, was man mit Social TV so anstellen kann. Die „Rundshow“ im Bayerischen Rundfunk war ein großes Labor für Nutzereinbindung in modernen Massenmedien; das Labor ist wieder geschlossen – und als ich gesehen habe, dass Richard seine Erfahrungen auf einer Social-TV-Veranstaltung in München präsentieren wollte, habe ich ein Ticket gebucht. Und die Gelegenheit ergriffen, Richard selbst erzählen zu lassen, was denn nun bleibt von der Rundshow.

Es bleiben: eine Menge Erfahrungen. „Wir hatten die steilste Lernkurve im deutschen Fernsehen“, so Richard in seinem Vortrag; zur Interaktion mit den Zuschauern gehörte auch, dass einige Kritik kam. Eine Menge davon hat die Redaktion mithilfe einer sehr experimentierfreudigen BR-Spitze noch während der vier Wochen umgesetzt. Erstaunt hat die Redaktion, wie stark die Interaktion über Smartphones lief: „Die App ging ab wie Sau,“ so Richard Gutjahr – fast jeder zweite Kommentar darüber.

Update um 17 Uhr: Zwei schöne Beobachtungen hat Richard Gutjahr noch geäußert in der letzten Panel-Diskussion: Zum einen, dass (GFK)-Quote und das selbst gestrickte Social-Buzz-Maß („G-Punkte“) oft genau gegenläufig waren. Zum anderen: „Katze funktioniert immer.“ Und mein Lieblingssatz des Tages stammt auch von ihm: „Wir wollten doch nur spielen.“

Schlussmäkelei: Wie heißt sie denn nun, die Veranstaltung hier? Der „1. Deutsche Social TV Summit“ firmiert im Netz als „Medienpuls Bayern“, und auch bei der Suche nach dem richtigen Hashtag (#dstvs? #stvs?) sind ich und andere kräftig herumgeirrt, weil es nirgends zu finden war (okay: für mich nicht). Sei’s drum.

Ansonsten habe ich beispielsweise gelernt: Die Fernseher-Hersteller reden gar nicht von „Second Screen“, sondern vom „Companion Screen“. Und auch sonst ist’s nicht uninteressant; wenn ich es schaffe, stelle ich später noch ein kleines Storify zusammen.