Audio für die Generation Skip – Die Zukunft des Radios

„Das Prinzip, dass man ein Geschäftsmodell, das zusammenbricht, selbst angreift, ist schwer zu vermitteln.
(Der Ex-Musikmanager Tim Renner in einem Interview mit mir zur Geschichte von MP3)

Ein Medienpreis, den ich hochverdient finde, nicht nur wegen der wunderbaren Modellbaukit-Optik: Der Radio-Remixer diy.fm ist eben mit dem Prix Europa ausgezeichnet worden – als beste Online-Innovation der teilnehmenden europäischen Sendeanstalten. Es könnte gut sein, dass dieser Preis den Prämierten etwas unangenehm ist: Die Entwicklerfirma TPC ist eine Tochter des Schweizer Rundfunks, und ausgezeichnet wurde sie hier für einen fröhlichen, unbeschwerten Angriff auf die Einheit der eigenen Radioprogramme.

Screenshot diy.fm

Was diy.fm sein möchte (und noch nicht ganz sein darf): Der Radio-Remixer für die, die mit ihrem Radio nie so ganz zufrieden sind. Das gab es offline in aller Unschuld als „Podcast-Mixer“ vom BR, jetzt passiert der Remix dynamisch in Echtzeit. Man nehme: ein Radioprogramm als Grundlage (das darf gerne auch ein beliebiges Netzradio sein), dann klinke man beliebige Podcasts oder Live-Elemente aus dem Radio-Angebot des gebührenfinanzierten Schweizer Rundfunks ein. Zum Beispiel immer die Nachrichten zur vollen Stunde. Umgekehrt: Wenn ein Inhalt stört, kann man ihn überspringen – oder mit einem Klick auf eine „Später hören“-Liste schicken; diy.fm bringt die Anlage mit, ein Instapaper für Audio-Inhalte zu werden.

Das ungeliebte Kind

Ist diy.fm also nun das nächste große Ding? Bestimmt nicht, dazu ist das Konzept noch nicht ausgereift genug – und an manchen Stellen sogar künstlich beschränkt. Natürlich gibt es keinen technischen Grund, dass der Radio-Remixer nicht mit beliebigen anderen Inhalten arbeiten kann und sich von seiner SRG-Mutter komplett löst – und beispielsweise an das last.fm- oder Spotify-Konto eines Nutzers angeflanscht wird. Eine App, die auf dem Smartphone oder Tablet die Musikbibliothek des Nutzers einbindet, wäre ein unproblematischer Zwischenschritt. Aber auch das wird Radiomachern nicht gefallen: Hier entsteht ein Werkzeug, um das eigene Produkt zu filetieren und zu fragmentieren – eine Fragmentieren, vor der sie bislang die lineare Verbreitung über Antenne geschützt hat. Kein Wunder, dass die Entwicklung von diy.fm auf erhebliche Widerstände gestoßen sein soll – noch funktioniert das Geschäftsmodell des Radios ja.

Dabei ist diy.fm ein Kind der Liebe: Erdacht wurde es von Dominik Born, der erzählt, dass er aus dem Radio kommt und Radio liebt – und das Radio an einer ähnlichen Weggabelung sieht wie vor einigen Jahren die Musikindustrie: Was haben wir uns lustig gemacht, erinnert er, dass sie es nicht kapiert haben, wie man richtig auf die digitale Herausforderung reagiert – und sich wegduckten, bis es zu spät war. Uns, sinniert er, uns – und damit meint er das Radio insgesamt – droht das gleiche Schicksal. (Wer mir nicht glaubt, dass er damit offene Türen einrennt bei mir, oder wissen will, warum, dem darf ich diesen etwas älteren, dafür ausführlichen Essay empfehlen.)

Radio für die Generation Skip

Denn trotz aller periodisch wiederkehrenden Jubelmeldungen über steigende Verweildauern auch bei jüngeren Hörern (und Zuschauern!) – die nächste Generation von Mediennutzern wird deutlich weniger gewillt sein, Radio in seiner heutigen Form zu nutzen. Da bekommen wir es mit einer Generation Skip zu tun, beobachtet die Onlinerin eines Jugendradios – junge Männer und Frauen, die ganz selbstverständlich weiterspringen wollen – wenn möglich, ohne auf den Komfort eines analogen Programms zu verzichten. Und auf den „Ich-bin-im-Radio“-Effekt, das gemeinsame Versammeln um ein Lagerfeuer.

Das ist dann auch mein größter Kritikpunkt an der bisherigen Gestalt von diy.fm: Ein Radio, auch ein Bastelradio, ohne das Lagerfeuer bzw. ohne die Möglichkeiten, über die identitätsstiftenden Inhalte auszutauschen – das ist ein Kapitalfehler. Man kann ihn beheben – ebenso wie ein paar andere Probleme: wenn ein Sender will, kann er auch einen MP3-Stream mit ordentlichen Metadaten auszeichnen, Inhalte kategorisieren und taggen, gewissermaßen die API für den Audiostream öffnen. Dritten möglichst einfache Werkzeuge geben, das Programm in seine Bestandteile zu zerlegen, aus denen sich jeder seinen Nischeninhalt herauspicken kann. Mit der erschreckenden Transparenz über die tatsächliche Nutzung von Inhalten, an die sich Onliner gewöhnen mussten. Und insgesamt mit deutlich weniger Nutzern. Wie gesagt: solange das Geschäftsmodell funktioniert – warum sollte man?

Nachsatz 1: Ein ganz ähnliches Projekt entwickelt dem Vernehmen nach der schwedische Radiokonzern SBS.

Nachsatz 2: Nicht auszudenken, wenn jemand dieses Konzept aufs Fernsehen übertrüge! Wie, das gibt es schon?

Nachsatz 3: Eine Stunde hinter den Nominierungen des Prix Europa herzuklicken ist einer der effizientesten Wege, auf Ideenfang zu gehen für frische Konzepte. Und irgendwie sind die Schweizer die eifrigsten Prix-Europa-Blogger. Thomas Weibel hat auch in diesem Jahr auf englisch mitgepostet, im letzten Jahr gab es das famose Special des Schweizer Kulturradios DRS2.

Dem CMS zur Ehrenrettung, oder: weshalb ich hier nicht Lorenz Matzats Meinung bin

Große Printtraditionen, bis heute selbstverständlich im Online-Journalismus: Ein Ereignis führt zu einem Bericht. Der fasst die ganze Geschichte inklusive allem, was bisher geschah, nochmal zusammen, wird erst geschrieben und dann redigiert und ist fertig, wenn er fertig ist. Und wenn man auf die Seite eines Nachrichtenangebots geht, sieht man kurze Anreißer für alles, was die Redaktion an diesem Tag für wichtig erachtet. Schon merkwürdig: wie wenig wir viele lieb gewonnene Gewohnheiten aus der Zeit der Druckerpressen und des Bleisatzes infrage stellen, merken wir erst, wenn’s mal jemand ganz anders macht – die Prozessjournalisten oder, was die Homepage angeht, das neue Wirtschaftsmagazin Quartz. (Letzteres übrigens großartig analysiert vom Nieman Lab.)

The Linotype. CC BY-NC inju /via flickr

Von daher bin ich völlig bei Lorenz Matzat, der ja nicht nur auf dem Feld des Datenjournalismus Bahnen bricht, und unlängst trocken feststellte: „Grundsätzlich muss sich davon verabschiedet werden, dass Websites wie Printzeitungstitel funktionieren können.“ Womit ich nicht einverstanden bin: dass er den Redaktionssystemen, oder Content Management Systems, oder kurz: CMS – eine Mitschuld  gibt an der Hüftsteife der deutschen Medienschaffenden mitten im Medienwandel. Die schwerfälligen, einmal teuer angeschafften Systeme schreiben die alten Regeln in Ewigkeit fest – so habe ich sein Argument verstanden.

CMS: Skelett, nicht Korsett

Erinnern wir uns, wie es in der grauen Vorzeit war, als die ersten klassischen Medien das Netz entdeckten und sich Leute suchten, um „das Internet zu bestücken“, wie das damals hieß – ich kenne das auch noch. Die sollten das Vorhandene ein wenig aufhübschen und so ins Netz stellen, wie man es von Zeitungen her kannte – große journalistische Qualifikationen jenseits Strg-C-Strg-V waren nicht gefragt und wurden auch nicht bezahlt (bis heute nicht). Experimente, doch etwas Eigenes zu erschaffen und neue Möglichkeiten zu entdecken – mein Lieblingsding damals: Word.com – waren aufwändig, selten und von sehr schwankender Qualität.

Emanzipiert haben sich die Onlinejournalisten erst, als CMS es ermöglichten, zu trennen: Hier Form, da Inhalt. Das schafft zum einen größere Effizienz wie fast jede sinnvolle Arbeitsteilung. Es sorgt auch dafür, dass die Form deutlich mehr als Produkt begriffen wird und nicht als zufälliges Ergebnis – UX sollte ich angebotsweit konzipieren. Und auf einmal verschoben sich bei den Machern die Gewichte, wenn schon nicht die Honorare: Setzer für das Internet waren jetzt nicht mehr so gefragt. Erst durch die CMS konnte eigenständiger Online-Journalismus alltäglich werden: Wie etwas technisch umgesetzt wurde, darum musste sich der Onliner im Tagesgeschäft jetzt keine zu großen Gedanken mehr machen; es ging jetzt darum, vorhandene Gefäße mit den Erträgen journalistischer Arbeit zu befüllen.

Begriffen haben das viele klassische Journalisten bis heute nicht: „Die glauben ja immer noch, wir sind die mit dem HTML und keine Journalisten“, erzählt eine Online-Nachrichtenkollegin über ihre Versuche, mit Radio- und Fernsehkollegen crossmedial an Themen zu arbeiten. Und sagt, dass sie für die Schablonen unseres Redaktionssystems durchaus dankbar ist: die ersparen ihr viel Arbeit.

Visionäre und Gesetze

Das Dumme ist zugegebenermaßen, dass sich die einmal ins CMS codierten Formen viel zu selten ändern. Aber: das ist kein Alltagsjob, oder anders gesagt: etwas für Spezialisten. Für diejenigen, die neue Formen – und Inhalte – denken und erproben. Und allzu oft leisten sich Redaktionen diese Spezialisten nicht, geben ihnen nicht die nötigen Freiräume, oder tun nicht genug, um die Ergebnisse in den Alltagsbetrieb einfließen zu lassen. Aber das hat nichts mit der Leichenstarre uralter, monströser Redaktionssysteme zu tun. Code ist geduldig.

Jobauftrag: Mach dich selber überflüssig!

Weil ich ja noch etwas schreiben wollte über meine seit einigen Tagen offizielle neue Rolle:  erster Social Media Manager des Hessischen Rundfunks, also hier einen Job neu erfinden – deswegen also kommt mir ein Artikel ganz gelegen, den das famose Nieman Journalism Lab heute anbietet, über eine Diskussion unter anderem mit der Social-Media-Chefin der New York, Liz Heron.

Die ist nämlich aus gutem Grund der Ansicht, dass es ihren Job in fünf Jahren wohl nicht mehr geben wird.

Das Argument: Derzeit sind wir in einer Umbruchphase. Redaktionen müssen umlernen, müssen alte Grundannahmen infrage stellen. Das ist aber irgendwann abgeschlossen, und Heron glaubt nicht, dass das noch sehr lange dauert:

Social Media und die Innovationen in ihrer Anwendung werden zur Gemeinschaftsaufgabe. Also, sagte Heron, „ist es nicht mehr so nötig, dass eine einzelne Person dafür verantwortlich ist.“ (meine Übersetzung)

Heißt also: Ein Social Media-Verantwortlicher in einem Medienunternehmen hat dann Erfolg, wenn er sich selber überflüssig gemacht hat.

Blogger vs. Journalisten (2): All you need is love!

Auf mein gestriges Fundstück zum Thema „Blogger vs. Journalisten“ kam ein interessanter Kommentar, der mir zum einen vorhielt, die Schlagzeile sei ein Scheingegensatz (okay – aber: es ist halt so ein schönes Klischee!), zum anderen die schöne Beobachtung beitrug, das Wort „Amateur“ komme von „amare“, lateinisch: lieben.

Nun unterscheidet sich der Amateur vom Profi ja erst einmal dadurch, dass letzterer versucht, von seiner Tätigkeit zu leben, und nicht durch die Liebesfähigkeit; trotzdem wirft das die Frage auf, wo denn im journalistischen Alltag die Liebe zur Sache geblieben ist. Schließlich ist es genau das, was Profi-Journalisten sich aus dem Netz immer wieder anhören müssen: Lieblos.

Natürlich: Alles kann und will man nicht lieben; und da wir Journalisten in der linearen Welt von Radio, TV und Print nun einmal Generalisten sein müssen: Für „Kurz alles Wichtige von heute“ braucht man keine Liebe, sondern Effizienz. Und doch: als ich heute Richard Gutjahrs wunderbaren Text las über das, was Journalisten vom Blogger (nein: als Blogger, @issis!) lernen können, dachte ich: in Richards Aufzählung (Kritikfähigkeit, Demut, Experimentierfreude, Transparenz und Tatkraft) fehlt mir die Liebe zur Sache. Und damit meine ich jetzt nicht blinden Fanatismus; Kreuzzügler lese ich auch als Blogger nicht. Aber die Leidenschaft für das, worüber wir berichten.

Eine Ahnung, wohin ein Teil dieser Leidenschaft entwichen sein könnte, vermittelt ein Text des „Rhein-Zeitung“-Chefredakteurs Christian Lindner für das kommende crossmediale Journalistenlehrbuch von Christian Jakubetz et. al. Für Lindner begann die Liebe zu verschwinden, als die Technik einsickerte – etwa das Fax:

Das Wort „gestern Abend“ schmückte nun immer öfters unsere Texte. Was wir dabei verloren, merkten unsere Altmeister eher als wir jungen Kollegen: Hatten sie noch die Zeit gehabt, genossen und genutzt, beim berühmten Bier nach der Ratssitzung von den Kommunalpolitikern die wirklich spannenden Informationen gesteckt zu bekommen, so hetzten wir nun direkt nach Ende des Termin zum Schreiben in die Redaktion. Wir informierten nun schneller – und verloren genau dadurch Informationen.Und das Unheil namens Technikfixierung, das Tausende von deutschen Lokalredaktionen inhaltlich schwächte, nahm weiter seinen Lauf.

Jetzt habe ich mit diesem Text alle möglichen Streitpunkte; ich finde nicht, dass jemand schon ein guter Journalist ist, bloß weil er ein Ignorant ist: wie sein Produkt entsteht und welche Mittel einem das in die Hand gibt, muss man wissen. Aber lesenswert ist der Text in jedem Fall, schon weil Christian Lindner ja kein nostalgisierender Technikfeind ist, sondern ein Zeitungs-Pionier im Feld „Nutzerbindung via Social Media„. Und in der Beobachtung stimme ich ihm zu: Irgendwo ging im Klein-Klein ein Stück Leidenschaft verloren – das man von den Bloggern wieder lernen kann.

Steile These: All you need is love.

Blogger vs. Journalisten – ein Fundstück

Der leidenschaftliche Amateur schlägt den gelangweilten Profi fast immer – mit diesem Satz des „Wired“-Chefredakteurs Chris Anderson kann man nicht nur gut zur Erklärung des „Long Tail“ hinführen, sondern vor allem auch junge Journalismus-Profis trefflich provozieren. Dann diskutiert es sich viel besser darüber, warum das mit „Kuratieren“ – Inhalte und Leistungen Außenstehender offen und offensiv in eigene Produkte integrieren – so eine wichtige Technik ist.

Problem ist bloß: womit belege ich die Behauptung von Chris Anderson? Mit dieser Frage schlage ich mich herum, weil ich gerade ein Kompaktseminar Online-Journalismus für die nächsten hr-Volontäre vorbereite. Die Antwort brachte – unerwartet – meine BBC-Lieblingsserie „Doctor Who“ [IMDb]. Auf der Suche nach einer Rezension bin ich via IMDb auf MaryAnn Johanson gestoßen, eine Filmkritikerin, die mit großer Leidenschaft und Originalität über „Doctor Who“ bloggt – und hier ihren Arbeitsprozess beschreibt. Auch für Rezensionen gilt: Mehr Aufwand, besseres Ergebnis, right?

So blogge ich über Doctor Who: Ich sehe mir jede [dreiviertelstündige] Episode dreimal an. Das erste Mal nur, um den Reiz einer neuen Folge zu genießen. Das zweite Mal, um Dinge wahrzunehmen, die beim ersten Mal nicht bedeutungsvoll erschienen, aber jetzt mehr Sinn ergeben, wo ich weiß, wie die Sache ausgeht. Diese beiden Durchgänge sehe ich mir samstagsabends auf dem Sofa an, üblicherweise mit einem Glas Wein und etwas zum Knabbern, und während ich anfange, meinen Text über die Episode zu formulieren, denke ich eigentlich gerade erst darüber nach. Der dritte Durchgang, am Sonntag, ist der intensive: Ich sitze am Computer, mache mir Notizen, mache Bildschirmfotos aus der Episode, erledige jetzt endlich wirklich die Arbeit, eine Art Sinn aus der Episode zu ziehen. [Quelle/meine Übersetzung]

Man vergleiche das in Gedanken kurz mit der Aufwands-Ertrags-Rechnung eines Profi-Kritikers: Wer für eine Rezension einer einzelnen TV-Folge mit einem in der Regel allenfalls zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Honorar entlohnt wird – und davon am Ende auch noch leben muss – kann und wird sich diese Arbeitsweise nicht leisten. Der Amateur siegt – muss siegen.