Facebook-Patent zur Kreditwürdigkeit – ein falscher Link reist um die Welt

Schon spannend: Facebook hat ein Patent, mit dem sich – unter anderem – auch ein Index für die Kreditwürdigkeit des jeweiligen Nutzers berechnen lässt. Könnte also zu einer Art Über-Schufa werden.

Flowchart für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit, Grafik aus der Facebook-Patentanmeldung
Kreditwürdigkeit im Social Graph: Grafik aus dem Facebook-Patent Nr. 9.104.493 vom 11.8.2015

Tolle Geschichte. Ausgegraben hat sie ein cleverer Patentanwalt, publiziert hat sie CNN Money.Und ich finde sie sehr spannend, weil ich mich gerade für das kommende Funkkolleg Wirtschaft mit der Macht der neuen Monopolisten Google, Facebook, Apple, Amazon beschäftige – und unter anderem die nicht ganz originelle These vertrete: die nächste Branche, deren Geschäftsmodell von ihnen umgekrempelt wird, sind die Banken. Aber das nur am Rande.

Zurück zum Originalartikel, zurück zum Handwerk. Die CNN-Leute haben nicht nur ganz altbacken aus dem Patent zitiert, sie haben – wie es sich für gute Netzjournalisten gehört – auf die Originalquelle verlinkt: auf dieses Patent. Dumm nur: da ist ihnen ein Fehler unterlaufen – das verlinkte Patent gehört zwar auch Facebook, beschäftigt sich aber mit einem technischen Problem beim Management einer Serverfarm. Das richtige Patent ist ein paar Klicks weiter, und zwar hier.

Nun wäre diese kleine Ungenauigkeit nicht weiter der Rede wert – aber der falsche Link ist wie eine ansteckende Krankheit: er ist bei allen, die das Thema angefasst haben, nachzuweisen. Zumindest bei denen, die ich auf die Schnelle gefunden habe:

Heißt: Von den vielen, vielen Netzjournalisten, die sich (zum Teil) sehr kundig mit der Meldung auseinandergesetzt haben, haben zwar viele den Link übernommen – vielleicht haben ihn einige sogar geklickt – aber niemand hat sich die Mühe gemacht, mit angeschaltetem Hirn auch nur die Überschrift der Originalquelle zu lesen: „System and method for cluster management“.

Und das gibt mir dann schon zu denken über die Standards meiner Branche.

(Hall of Fame: Die Welt hat zwar den Link nicht eins zu eins übernommen, hat selbst nach dem Link gesucht, zunächst ebenfalls einen kleinen Fehler gemacht, hat ihn aber anderweitig verbaselt.inzwischen korrigiert)

Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen

Goldenes Buch CC BY chatchavan via flickrBitte nicht weiterlesen – trotz des unwiderstehlichen 11-Punkte-Versprechens: es handelt sich um eine Seminararbeit. Entstanden im Seminar zur Zusammenarbeit in crossmedialen Teams, das ich für die ARD-ZDF-Medienakademie anbiete – aus dem verständlichen Wunsch der Teilnehmer heraus: ja, alles sehr schön mit dem Medienwandel, aber welches sind meine Werkzeuge? Ich habe daraufhin versprochen, meine ganz persönliche „Goldene Liste“ vorzustellen von Netztools, die man meiner Meinung nach kennen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert als Journalistin oder Journalist arbeiten will. Continue reading „Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen“

Corrigo – der Korrekturstift fürs Internet

Wäre es nicht großartig, man könnte sachliche Fehler und fragwürdige journalistische Leistungen im Netz einfach rot anstreichen? Wäre es nicht schön, wir könnten das Internet also gewissermaßen korrekturlesen? Und wäre es nicht ungemein nützlich für die Redaktionen, wenn sie so auf Fehler hingewiesen würden und so eine zusätzliche Kontrollinstanz in Form der Netzgemeinde bekämen?

Nun ist die Idee so neu nicht. Medienwatchblogs und Redaktionsblogs sind davon ebenso beredtes Zeugnis wie lebhafte Diskussionen in den Kommentaren. Es gibt Faktencheck-Communities und digitale Ombudsmänner. Und für die Welt des bedruckten Totholzes gibt es ja längst die praktischen Warnaufkleber. Aber so direkt in Netzveröffentlichungen Fehler anstreichen? Und damit auch noch Wirkung erzielen?

Wie es aussehen könnte, zeigen zwei frisch diplomierte und höchst talentierte Online-Journalisten: Kersten Riechers und Tobias Reitz denken schon eine Weile am Konzept des Korrekturstifts fürs Internet herum. Sie haben ihre Diplomarbeit darüber geschrieben, das Konzept im Knight-Mozilla Learning Lab für digitalen Journalismus verfeinert und zuletzt in kondensierter Form auf dem auf dem Webmontag #33 in Frankfurt vorgestellt. Sie nennen ihr Konzept: „Corrigo“ („Ich korrigiere“). Schön übrigens, dass sie es schon mal nicht „Korrektr“ genannt haben.

Corrigo-Mockup: So sieht es aus, wenn ein Nutzer einen Fehler anstreicht und ein anderer ihn unterstützt.

Rotstift fürs Netz: Wie es funktionieren könnte

Zunächst einmal soll Corrigo auf faktische Fehler beschränkt bleiben – objektive Falschinformationen wie falsche Namen oder irrtümlich zugeschriebene Aussagen. Fragen des Standpunktes, subjektive Fehler, sind deutlich schwieriger zu fassen – und da die Macher ein Qualitätssicherungs-Werkzeug schaffen wollen und keine Meinungsplattform, wollen sie diese journalistischen Problemkinder von vornherein ausschließen.

Die Fehler sollen dann mithilfe eines „Web Annotation„-Systems ausgewiesen werden: Wer einen Fehler entdeckt, klickt den „Corrigo“-Knopf, streicht den Fehler an und begründet seine Fehlermeldung. Dabei hat er nur eine begrenzte Anzahl an Fehlerkategorien zur Auswahl; weniger ist mehr.

Wer nun die Seite aufruft, sieht anhand einer „Fehlerampel“, dass Fakten in diesem Dokument umstritten sind – und die Stelle, an der Kritik geübt worden ist. Zunächst ist die Fehlerampel noch gelb – sobald allerdings ein vertrauenswürdiger Nutzer die Fehlermeldung bestätigt, springt die Ampel auf Rot um. Die Redaktion hat nun die Möglichkeit, den Fehler transparent zu korrigieren und so die Ampel wieder auf grün zu stellen – der Hinweis auf die Korrektur bleibt erhalten. Im Idealfall, schwebt den Erfindern vor, ist das Corrigo-System sogar an das Redaktionssystem angeflanscht.

Technisch ist das Ganze ein Annotation-Layer über dem Inhalt; im Hintergrund arbeitet eine Art Bugtracking-System, wie man es aus der Software-Entwicklung kennt. Die praktische Umsetzung des Online-Rotstifts stellen sich die beiden Online-Journalisten in Form eines Browser-Plugins bzw. Bookmarklets vor, das die entsprechenden Markierungen ein- und ausspielt und mit der Fehlerdatenbank kommuniziert.

Was Corrigo nicht sein soll: Ein Ersatz für hauptamtliche Dokumentare und Faktenchecker. Oder für Medienblogs. Oder für Kommentar- und Bewertungssysteme. Aber in der Vorstellung seiner Erfinder kann Corrigo einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, sie alle zu verbinden und zu vernetzen – und zugleich die herkömmlichen Institutionen der journalistischen Qualitätssicherung profitieren zu lassen: Redaktionsleiter, Ombudsleute, Presserat und journalistische Ausbildung.

Stolpersteine

Natürlich wirft das Konzept auch eine Menge Fragen auf:

  • Müssen schon wieder die armen Onliner den Kopf hinhalten für die Dinge, die ihre Kollegen aus der analogen Welt verzapft haben? Kurz: Wie stellt man sicher, dass die Online-Korrekturen auch in Print, Radio und TV ankommen?
  • Wie streiche ich Fehler in Videos und Audios an?
  • Ich muss den Datenschutz garantieren, und die Nutzer müssen mir glauben – prinzipbedingt „sieht“ ein Web-Annotation-System, was ich mir im Netz ansehe, und zwar ohne Ausnahme. Eine Verwertung dieser Informationen muss ausgeschlossen sein.
  • Wird so ein System von den Nutzern nicht ganz schnell in eine weitere Kommentar- und Meinungsplattform umgewidmet, so dass die eigentlichen Korrekturen im Meinungsrauschen untergehen?
  • Wie schmeiße ich Spammer raus? Post-Its mit nützlichen Notizen auf Webseiten – das war eine der Innovationen des Social-Bookmarking-Dienstes Diigo. Sie führte dazu, dass man als Diigo-Nutzer auf Google oder Facebook erst einmal von zahlreichen „Ich war hier“-Zetteln genervt wurde – und kaum je dazu, dass man mal einen sinnvollen Hinweis von Fremden bekam.

Gerade die letzten beiden Punkte zeigen, dass man ein solches System nicht ohne  Community und ein entsprechendes Management einführen kann: Meiner Erfahrung nach funktionieren die Post-Its, die „Sticky Notes“ von Diigo, zum Beispiel sehr gut, wenn sie zum Austausch in einer überschaubaren Nutzergruppe dienen. Und auch die vertrauenswürdigen Nutzer, die die Anstreichungen unterstreichen, müssen erst gefunden werden.

Trotz vieler Fragen: Das Konzept ist spannend – und lohnt einen Blick ins (englischsprachige) Projektblog der Macher; auch die gesamte Diplomarbeit findet sich dort.

Das kleine Besteck: Meine Social-Media-Toolbox für (fast) alle Fälle

Update, April 2012: Leider veralten Social-Media-Tipps schnell – einige der Tipps und Tools in diesem Artikel sind nicht mehr funktionsfähig. Siehe das hier, aber auch mein überarbeitetes Rezept für ein Brand Monitoring im Eigenbau

Sind wir ehrlich: all die netten „10-Beste“Listen von Mashable sind nichts anderes als eine faule Ausrede dafür, selbst gerade nichts zu arbeiten – ihr praktischer Nutzen entspricht dem Nährwert von gesalzenen Pappkartons. Schlimmer: Mashable veröffentlicht davon gefühlt fünf Stück am Tag. Noch schlimmer: Der Trend macht Schule – und als beratungsbedürftiger Nutzer wird man von einer Flut von Marktübersichten weggespült, die die Tipps schneller vorbeitreibt, als man die empfohlenen Werkzeuge bookmarken kann. Jetzt weiß man, was es alles gibt – dabei wollte man doch bloß wissen, womit man gut arbeiten kann.

In Rückbesinnung auf die alte journalistische Tugend des Auswählens und Gewichtens erlaube ich mir, meinen persönlichen Werkzeugkasten für die Social-Media-Alltagsarbeit vorzustellen. Diese Werkzeuge sind für mich unentbehrlich, wenn es um das Soziale Internet geht – auch wenn sie im einen oder anderen Spezialfall versagen oder nicht optimal sind, kommt man meiner Erfahrung nach sehr weit mit ihnen: mit einem Sechskant-Schlüssel kann man notfalls auch eine Torx-Schraube drehen.

Eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Sechskant-Schlüssel: Diese Werkzeuge bekommt man allesamt (fast) umsonst. Sie bieten sich deshalb an, wenn eine Redaktion in das Thema Social Media einsteigt – wenn sie sich professionalisiert und auch Erfolg hat, sind beispielsweise im Bereich „Monitoring“ ganz andere Aufwände nötig.

Aber: für jede/n, die/der sich journalistisch auf dem Felde Social Media tummeln will – also für jeden, der nicht im 20. Jahrhundert zurückbleiben will – lohnt sich die Beschäftigung mit wenigstens diesen Werkzeugen. Anders herum formuliert: wer für seine Redaktion Social Media betreuen und nutzen will, sollte diese Werkzeuge allesamt kennen und können.

Die Toolbox – nach dem Klick.

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Vier Sätze für den Journalismus…

…eigentlich: vier Sätze über zukunftsweisenden Journalismus. Dirk von Gehlen, Leiter der jetzt.de-Redaktion, hat bloggende Journalisten aufgerufen, vier einfache Antworten auf vier einfache Fragen zu geben – hier mit meinen Antworten:

Das sollte jeder Journalist/jede Journalistin heute lernen:

Multimedial denken und arbeiten. Umgang mit dem Sozialen Internet. Gründliche Recherche.

Nutzerbeteiligung macht den Journalismus besser, wenn …

Wenn sie uns zwingt, zu erklären, wie wie wir arbeiten und warum. Wenn sie uns hilft, nie mehr: „Das versendet sich“ zu sagen. Wenn unsere Nutzer von Empfängern zu Teilhabern werden, die uns unterstützen und antreiben.

In zehn Jahren werden wir uns darüber wundern, dass in der heutigen Debatte…

…fast immer versucht wurde, die analoge Welt im Netz fortzuschreiben. Treidelflößer mit Lokomotivantrieb.

So könnte ein Geschäftsmodell für den Journalismus von morgen aussehen:

Eines: Öffentlich-rechtlich – warum eigentlich nicht? Prinzip Hoffnung.

Zu den Antworten auf die Aktion kann man sich über die Kommentare und Trackbacks unter Dirk von Gehlens Post durchklicken – oder auf einen zusammenfassenden Artikel hoffen. Ob wohl nur digital residents antworten?