Das Einhorn dressieren. Mehr von der „Graph Search“

Über die Frage, wie man bei Facebook sucht, habe ich ja schon eine kleine Wegbeschreibung für die ersten Schritte gebloggt („Datenkraken Pfötchen geben lassen„) – das hier soll weiterführen: Anlässlich des Zündfunk-Netzkongresses, auf dem ich einen Vortrag über Datenkraken-Dressur gesammelt habe, habe ich die vielen kleinen und großen Informationen zusammengetragen und aktualisiert.

Kleiner Spoiler: Die Informationen sind alle in ein Github-Repository gewandert.

Git-was? Github ist eine Plattform, auf der Programmierer den Programmcode für ihre Open-Source-Projekte veröffentlichen und verbessern – aber man kann sie auch nutzen, um Texte oder Informationen gemeinsam mit anderen zu verbessern. (Starthilfe für Journalist/innen gibt’s beispielsweise von der ultrakreativen Journalistin Melody Joy Kramer)

Anyway, Graph Search. Das hier erst mal, um in die richtige Stimmung zu kommen.

Von wegen, keine Nummer! (Auch wenn Nr. 6 heute an den Facebook-Mitgründer Dustin Moskovitz vergeben ist.)

Facebook ist ein Haufen

Aus einem technischen Facebook-Papier zur Graph Search (über das Bild verlinkt)

Facebook ist ein großes Kuddelmuddel aus Objekten. Alles auf Facebook ist ein Objekt, ein Ding mit einer Nummer. Du, lieber Leser, der du bei Facebook bist, bist ein Objekt. Ich bin ein Objekt. (Dasjenige, das in der Datenbank unter der Nummer 10203855861709288 steht.) Mark Zuckerberg ist ein Objekt. (Nummer 4, um genau zu sein.) Genau genommen sind natürlich nicht die Menschen das Objekt, sondern ihre Profilseiten, aber das Prinzip bleibt gleich, auch für Nichtmenschliches: Unternehmen, Marken und ihre Facebook-Seiten sind Objekte. (United Nations? 54779960819.) Städte sind Objekte. (Berlin? 111175118906315.)

Das Prinzip zieht sich durch: Berufe sind Objekte. Interessen sind Objekte. Überzeugungen, politische und religiöse, sind Objekte. Nebenbei: Über die Nummer, die Objekt-ID, kann man jedes Objekt im Netz verorten und ansurfen – einfach, indem man sie im Browser-Adressfenster hinter das übliche https://www.facebook.com/ kopiert.

Das System ist nicht perfekt; manche Dinge, Orte, Arbeitgeber gibt es mehrmals bei Facebook – der WDR taucht ebenso mit Facebook-Seite auf wie die WDR-Radiowellen. Auch Orte gibt es zum Teil mehr als einmal.

Wäre Facebook nur eine Datenbank von Objekten, wäre die Plattform kein Netzwerk. Das eigentlich Spannende am sozialen Netzwerk ist aber das Netzwerk – die Beziehung zwischen den Objekten (Facebook spricht übrigens von „nodes“, Knoten, und „edges“, Kanten). Die Ur-Beziehung ist die Facebook-Freundschaft zwischen Personen, aber die Plattform versteht und speichert alle möglichen Beziehungen: zwischen einem Unternehmen und seinem Arbeitnehmer, zwischen einer Stadt und ihrem Bewohner, zwischen einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Und Facebook weiß auch, wie stark Beziehungen sind – zum Beispiel, wie eng die Beziehung zu einer anderen Person ist (entweder, weil Facebook weiß, wie häufig wir mit dieser Person interagieren, oder einfach, weil wir es der Plattform verraten haben. „verheiratet mit…“ oder über die Sortierung in die Liste der engen Freunde oder Verwandten).

Das muss sich doch nutzen lassen, um Informationen zu finden? Das ist die richtige Einstellung.

The Unicorn Sleeps Tonight

Rainbow-barfing unicornWarum ist die Facebook-Suche eigentlich so nervig? Warum findet man manchmal Dinge nicht, von denen man weiß, dass sie da sein müssen – und die Google (über den „site:facebook.com“-Befehl zum Teil findet? Der Grund ist eine vollkommen andere Herangehensweise an das Problem „Suche“.

  • Was Google tut: die Suchbegriffe mit der Datenbank abgleichen, in der es Webseiten indexiert hat, und die Seiten ordnen, die diese Suchbegriffe enthalten – sortiert nach der Relevanz. Die versucht Google unter anderem über den Verlinkungsgrad der Seiten zu bestimmen.
  • Was Facebook tut: nach Beziehungen zwischen den erwähnten Objekten filtern.

Techniken, die Informationen aus dem „Social Graph“ fischen – dem Netz aus Objekten und ihren Beziehungen – hat Facebook schon sehr lange, 2013 führte das Unternehmen zum ersten Mal eine Technologie ein, die auch mit den Milliarden Usern des radikal gewachsenen Netzwerks klar kam: eine Suchmaschine namens „Unicorn„. Unicorn wurde, wie der Bratling im Burger, noch eingeklemmt zwischen einem Filter, der die Suchergebnisse je nach Privatsphäre-Einstellungen für den Suchenden bereinigte, und einem Parser, einem Stück Software, das normale englische Sätze in Such-Befehle übersetzte. Das alles zusammen nannte Facebook „Graph Search“.

Graph Search war ein Desaster. 2015 wurde die Suche im Rahmen einer Überarbeitung der Maschinen-Schnittstelle, der API, teilweise eingerissen. Aber, und das ist das Schöne, das Einhorn schläft nur – und lauscht im Facebook-Untergrund auf sorgfältig konstruierte Adresszeilen, so genannte URLs. Mehr dazu in meinen Folien und in der eingangs erwähnten Github-Repository.

[slideshare id=80824872&doc=zf17-graphsearch1-171015115456]

Direktlink zum Vortragsfolien-PDF, CC BY Jan Eggers (35MB!)

Die Datenkrake Pfötchen geben lassen: Erste Recherche-Schritte mit der Facebook Graph Search

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man die Facebook Graph Search für sich nutzt, anhand eines einfachen Beispiels. Sie verdankt sich den TV-Volos im Recherche-Seminar bei der BLM, die das mit der Facebook-Suche noch einmal ganz systematisch haben wollten. Danke Lisa, Elena, Chris-Marie, Anja, Stefan, Felix, Anne-Lena, Nina, Sandra und Lukas! Continue reading „Die Datenkrake Pfötchen geben lassen: Erste Recherche-Schritte mit der Facebook Graph Search“

Kommentarmoderation, Boss Level: „Ihr seid alle viel zu nett!“

"Sugarland Trolls" - Weingummi-Trolle in der Tüte. CC BY-SA Maik Meid
CC BY-SA Maik Meid/via flickr.com

Schwierige Kommentare schnell verschwinden lassen, damit sie das Klima nicht verpesten – oder engagiert dagegenhalten? Bis hin zur öffentlichen Bloßstellung – und auf die Gefahr hin, den Störern so genau das zu liefern, was wie wollen: Aufmerksamkeit? Sicher ist nur: es muss sich etwas ändern im Community Management. Das war Ziel eines hr-internen Workshops, den wir mit den Social-Media-Macherinnen im Haus meines Arbeitgebers organisiert haben: besser antworten können.
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Facebook-Patent zur Kreditwürdigkeit – ein falscher Link reist um die Welt

Schon spannend: Facebook hat ein Patent, mit dem sich – unter anderem – auch ein Index für die Kreditwürdigkeit des jeweiligen Nutzers berechnen lässt. Könnte also zu einer Art Über-Schufa werden.

Flowchart für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit, Grafik aus der Facebook-Patentanmeldung
Kreditwürdigkeit im Social Graph: Grafik aus dem Facebook-Patent Nr. 9.104.493 vom 11.8.2015

Tolle Geschichte. Ausgegraben hat sie ein cleverer Patentanwalt, publiziert hat sie CNN Money.Und ich finde sie sehr spannend, weil ich mich gerade für das kommende Funkkolleg Wirtschaft mit der Macht der neuen Monopolisten Google, Facebook, Apple, Amazon beschäftige – und unter anderem die nicht ganz originelle These vertrete: die nächste Branche, deren Geschäftsmodell von ihnen umgekrempelt wird, sind die Banken. Aber das nur am Rande.

Zurück zum Originalartikel, zurück zum Handwerk. Die CNN-Leute haben nicht nur ganz altbacken aus dem Patent zitiert, sie haben – wie es sich für gute Netzjournalisten gehört – auf die Originalquelle verlinkt: auf dieses Patent. Dumm nur: da ist ihnen ein Fehler unterlaufen – das verlinkte Patent gehört zwar auch Facebook, beschäftigt sich aber mit einem technischen Problem beim Management einer Serverfarm. Das richtige Patent ist ein paar Klicks weiter, und zwar hier.

Nun wäre diese kleine Ungenauigkeit nicht weiter der Rede wert – aber der falsche Link ist wie eine ansteckende Krankheit: er ist bei allen, die das Thema angefasst haben, nachzuweisen. Zumindest bei denen, die ich auf die Schnelle gefunden habe:

Heißt: Von den vielen, vielen Netzjournalisten, die sich (zum Teil) sehr kundig mit der Meldung auseinandergesetzt haben, haben zwar viele den Link übernommen – vielleicht haben ihn einige sogar geklickt – aber niemand hat sich die Mühe gemacht, mit angeschaltetem Hirn auch nur die Überschrift der Originalquelle zu lesen: „System and method for cluster management“.

Und das gibt mir dann schon zu denken über die Standards meiner Branche.

(Hall of Fame: Die Welt hat zwar den Link nicht eins zu eins übernommen, hat selbst nach dem Link gesucht, zunächst ebenfalls einen kleinen Fehler gemacht, hat ihn aber anderweitig verbaselt.inzwischen korrigiert)

Enthüllt: Das Geheimnis von Social Media!

Shhh! CC BY-SA-NC airguy1988

Ich habe hier lang genug geschwiegen, jetzt muss es raus: ich glaube, ich bin im Besitz des Erfolgsrezepts für die sozialen Netze. Mehr nach dem Klick.
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