Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Archiv für das Schlagwort ‘Print’

Auch diesmal wurde die Zeitung leider nicht gerettet

kommentieren...

Wenn man eine Präsentation so anfängt, hat man natürlich schon gewonnen:

Präsentation des 4. Semesters Onlinejournalismus der h_da

Diese beiden jungen Menschen, die hier so sichtbar ein Präsentations-Team bilden, studieren Onlinejournalismus an der Hochschule Darmstadt im 2. Semester. Gemeinsam mit ihren Studienkolleginnen und -kollegen der anderen Semester haben sie gestern ihre Semesterprojekte präsentiert, und ich war neugierig, weil man ja sehr davon profitiert, gelegentlich eine kalte Dusche frischer Ideen abzubekommen.

Deshalb hatte ich große Erwartungen an das Projekt des 6. Semesters: eine gedruckte (!) Zeitung für das zweite Jahrzehnt (!!) für eine jugendliche Zielgruppe (!!!).  Vor allem Orientierung bieten soll sie, die dreimal wöchentlich erscheinende Magazeitung – “wir sind eine ziemlich orientierungslose Generation”, stellt eine der drei Präsentatorinnen fest. Nachrichten jedenfalls muss die Zeitung nicht mehr transportieren, sagen die Studentinnen – das weiß man doch alles schon aus dem Netz. Anders schreiben wollen sie auch; persönlicher, meinungsstärker, aus Blickwinkeln. Und haben lange über die Ansprache der Leser diskutiert: Du oder Sie? “Am Ende haben wir ‘Sie’ geschrieben, aber mit einem gefühlten ‘Du’ im Hinterkopf.” Der Dummy der Zeitung mit dem Titel “qube” ist derzeit in Druck, soll demnächst über die h_da erhältlich sein. In Kooperation mit dem medium magazin, übrigens.

Jünger, magaziniger, meinungsstärker, offener, anders formatiert: ganz neu ist das alles nicht. Die Geschichte der Rettung der gedruckten Zeitung durch Darmstädter Studenten ist die Geschichte eines spannenden Scheiterns. “qube” wirkt auf mich wie ein quadratformatiges “Jetzt” mit zweitägigem Erscheinungsrhythmus. Was die Leistung des Projekts nicht im mindesten schmälert.  Wie wird mir am Ende einer der Dozenten sagen: Der Gewinn dieses Semesterprojekts lag nicht darin, dass die gedruckte Zeitung gerettet wurde, sondern dass sich die Studenten die Logik neu erarbeitet haben, die hinter den Strategien steckt.

Der Projektplan der "Nachts in Darmstadt"-Gruppe

Eine kleine Sensation ist übrigens das Projekt des 4. Semesters: 50 Leute schreiben in nur dreieinhalb Monaten ein Buch über Darmstadt bei Nacht. Ein Riesenprojekt aus Autoren, Redakteuren, Faktencheckern, Chef vom Dienst, Grafikern, Dichtern, Fotografen, Zeichnern, Organisatoren, Sponsorenjägern. Die PR-Crew nicht zu vergessen, die mit dem zweinulligen Bekenntnis glänzt:  “Wir haben in StudiVZ und Facebook einfach irgendwelche Profile angelegt und dann wild Leute geklickt, um das Projekt bekannt zu machen.” In der RealWorld ™ haben sie unter anderem Flashmobs organisiert. Wie man solch ein Riesenvorhaben zusammenhält? “Ganz oben stand das Internet”, sagen die Studenten und berichten, dass sie sich über ein Projektwiki koordiniert haben, das zugleich als Redaktionssystem diente; über ICQ, über Google Docs, über den Termindienst Doodle und über rund dreitausend E-Mails. Wahnsinn mit Methode. Wow.

Nachtrag, 31.7.09: Ausführlicher Artikel über das “nachts in darmstadt”-Projekt [hier].

Autor Jan Eggers

14-07-2009 um UTC11:17

Mediensterben: Sind die Zeitungen selber schuld?

1 Kommentar

Ich hatte heute abend das Glück, mit einigen sehr interessanten Menschen auf einem Panel zu sitzen. Es ging um das Thema “Crossmedia” – die Frage, wie man über die Grenzen von Fernseh-, Print-, Radio und Internetjournalismus hinweg sinnvoll und im Sinne der Nutzer arbeiten kann – und drehte sich dann doch sehr schnell wieder um die Frage, die Journalisten umtreibt wie kaum eine zweite: Was macht im Internetzeitalter die Einzigartigkeit unserer Arbeit aus? Was ist es unserer Meinung nach wert, als Profis dafür bezahlt zu werden?

In dieser Diskussion tauchte als Nebenpunkt etwas auf, das mich schon länger umtreibt und deswegen hier im öffentlichen Thesenspeicher landet: eine Stimmung in weiten Teilen der Blogosphäre, die den darbenden Zeitungen nachruft: Selbst schuld. Ideenlos, verbohrt, eingebildet – diese Art “Qualität” braucht niemand; sie geht zu Recht bei den Nutzern und potentiellen Käufern unter.

Nun ist es sicher so, dass viele Verleger nicht gerade mit Ideenreichtum und Kreativität glänzen in der Krise. Trotzdem denke ich, dass sowohl den Kritikern als auch den Kritisierten klar sein muss: für einen Großteil der Presselandschaft kann es keine Rettung geben und kein funktionierendes Geschäftsmodell. Das ist einfach Konsequenz einer veränderten Medienökonomie.

Die Bedingungen für Medienhäuser haben sich im Internetzeitalter in einigen entscheidenden Punkten geändert:

  • Die regionalen Monopole sind dahin. Während Zeitungsverleger früher relativ geschützt in den Grenzen ihres Verbreitungsgebiets agieren konnten – und meist zudem völlig konkurrenzlos – , stehen zumindest Teile ihres Angebots im Internet im weltweiten Wettbewerb. Auch von regionalen Anbietern aus anderen Medien, etwa Radio- und Fernsehsendern, müssen sie zunehmend Konkurrenz befürchten. (Auf der nationalen Ebene: das Gleiche – nur schlimmer.)
  • Die Mikro-Nischen schwinden. Auch von unten wird das Geschäft der Verleger angekratzt: von den “Prosumenten”; denjenigen, die die fast kostenlosen Produktionsmittel des Internetzeitalters nutzen, um ihr Blog/ihren Stream/ihren Channel zu befüllen. “Ein leidenschaftlicher Amateur schlägt den gelangweilten Profi fast immer”, schreibt Wired-Chefredakteur und “Longtail”-Vordenker Chris Anderson. Es sollte den professionellen Anbietern von Inhalten eine Warnung sein.
  • Aufmerksamkeit bleibt ein knappes Gut. Riepl hin oder her: Natürlich steigt die Mediennutzung nicht unbegrenzt; die Inhalte konkurrieren beim Nutzer um eine sehr begrenzte Ressource: seine Zeit.
  • Verbreitungs-Grenzkosten nahe null. Habe ich ein Internet-Angebot erst einmal erstellt, sind die Kosten für jeden weiteren Nutzer zu vernachlässigen. Nicht wie bei einer Zeitung, für die ja tatsächlich irgendwann einmal ein Bäumchen gefällt werden muss: Wenn ich überragende Inhalte habe, ist es für mich und die Nutzer ohne Bedeutung, ob der Text zehntausend, hundertausend, Millionen zusätzliche Nutzer findet.

Diese Punkte zusammen haben eine Konsequenz: Medienunternehmen im 21. Jahrhundert befinden sich tief in dem Land, das der Ökonom und Querdenker Nicholas Nassim Taleb als “Extremistan” bezeichnet. Einer nicht skalierenden, zutiefst ungerechten Umwelt, in der es einige wenige große Gewinner gibt und sehr, sehr viele Verlierer.

Allein die großen, attraktiven Gewinne für die wenigen an der Spitze werden dafür sorgen, dass weiter professionelle Medien-Inhalte produziert werden; ein Großteil von Produzenten, die auf diese großen Gewinne hoffen. Aber nur die wenigsten Medienanbieter werden davon leben können. Mit dieser Argumentation vor Augen fällt es mir leicht, Jeff Jarvis zuzustimmen: “Wenn wir nur die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele.”

Nachtrag: Kleiner, gemeiner und feiner Artikel über die Medienökonomie aus Sicht der Burdas dieser Welt bei der famosen Ulrike Langer.

Autor Jan Eggers

30-06-2009 um UTC23:31

Warme Worte zum DienstagNicely put

kommentieren...

Clay Shirky wird von Online-Strategen hoch geschätzt – ohne Zweifel ist er ein origineller Geist: ich fand zum Beispiel sein Argument sehr reizvoll, dass Fernsehen gewissermaßen der Gin des 20. Jahrhunderts ist. [engl.] Und ich denke, Clay Shirky ist ein viel höflicherer Mensch als die Simpsons-Figur Nelson.

“Your Medium Is Dying” – dass der Printjournalismus in den USA in Agonie liegt, kann man kaum bestreiten. Die Schrift an der Wand: Einstige Qualitätszeitungen geben den Printbetrieb auf – heute gerade der “Seattle PI”; hier eine Fotogalerie des letzten Tags in der Redaktion, und in den USA hat das Internet die Zeitungen als Nachrichtenquelle 2008 abgelöst, wie die alljährliche Pew-Studie “State of the Media” feststellt.

Was die Frage aufwirft: Warum haben die Zeitungen das nicht kommen sehen? Darauf findet Clay Shirky eine gruselige Antwort: Sie haben es kommen sehen. Aber.

“Wenn die Wirklichkeit als das Undenkbare ausgezeichnet wird, entsteht in der Branche eine Art Krankheit. Führung basiert plötzlich nur noch auf Glaubenssätzen, und Untergebene, die dreist darauf beharren, dass das, was zu passieren scheint, tatsächlich passiert, die werden in Innovationslabors gepfercht, wo man sie en masse ignorieren kann.” (Meine Übersetzung.)

(Link to full article)

Clay Shirky is a media strategist of some merit – and without doubt a creative mind. (See, for example, his argument that TV was for the 20th century what gin was for the 19th.) And he is, I guess, a much nicer person than the Simpsons character Nelson.

That print journalism is already in agony in the US can hardly be debated – with the internet having displaced newspapers as a news source, with renowned papes like the Seattle PI folding their print issue, the writing is all over the wall. Yet: Why didn’t the newspapers see it coming? Shirky has a most unnerving answer to this: In his view, they did. But.

“When reality is labeled unthinkable, it creates a kind of sickness in an industry. Leadership becomes faith-based, while employees who have the temerity to suggest that what seems to be happening is in fact happening are herded into Innovation Departments, where they can be ignored en masse.”

(Link to full article)

Autor Jan Eggers

17-03-2009 um UTC19:37

Abgelegt unter Blog

Schlagworte , , ,

Switch to our mobile site