Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

29. September 2013
von Jan Eggers
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Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen

Goldenes Buch CC BY chatchavan via flickrBitte nicht weiterlesen – trotz des unwiderstehlichen 11-Punkte-Versprechens: es handelt sich um eine Seminararbeit. Entstanden im Seminar zur Zusammenarbeit in crossmedialen Teams, das ich für die ARD-ZDF-Medienakademie anbiete – aus dem verständlichen Wunsch der Teilnehmer heraus: ja, alles sehr schön mit dem Medienwandel, aber welches sind meine Werkzeuge? Ich habe daraufhin versprochen, meine ganz persönliche “Goldene Liste” vorzustellen von Netztools, die man meiner Meinung nach kennen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert als Journalistin oder Journalist arbeiten will. Weiterlesen →

15. Juni 2013
von Jan Eggers
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In der Recherchehandwerkskammer

Eine Sache, die mich ordentlich nervös macht und auch ein wenig stolz: Heute fahre ich nach Hamburg zum Jahrestreffen des Netzwerks Recherche und stelle meinen 15-Minuten-Quellencheck vor, den ich aus diesem Anlass auf Version 2.2 poliert habe.

Wobei ich annehme, dass ich nach dem nr-Treffen einiges umarbeiten werde: Dort wimmelt es von erstklassigen Recherche-Handwerkern und journalistischen Alphatieren, und ich bin sehr gespannt auf Anmerkungen und Kritik.

Hier jedenfalls die Folien zum Vortrag in eigens erfundener Retro-Optik.

14. Mai 2013
von Jan Eggers
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Unter Beobachtung

Einerseits kann ich ja gut verstehen, dass Bars sich zur Google-Glass-freien Zone erklären – ebenso wie Kinos und Nachtclubs. Andererseits kann ich auch Kai Diekmann verstehen, dass er unbedingt so ein Ding haben wollte (wenn sie denn schon dem in Kalifornien hospitierenden Bild-Chef zwischenzeitlich Teile seiner Redaktion wegsparen). Ich auch! Weshalb ich auch nicht widerstehen konnte, mich auf der re:publica mit einem Google Glass auf der Nase fotografieren zu lassen; auf die Gefahr hin, von Leuten, die sich gefilmt wähnen, völlig zu Recht einen Eimer Eiswasser ins Gesicht zu bekommen. Auch wenn das mit dem Filmen leider nie funktioneren wird, wenn das Google Glass nur ein  Imitat aus dem 3D-Drucker ist.

I'm a cyborg, but that's OK: Google-Glaas-Imitat aus dem 3D-Drucker auf der re:publica 13 (Foto: www.schleeh.de)

I’m a cyborg, but that’s OK: Google-Glaas-Imitat aus dem 3D-Drucker auf der re:publica 13 (Foto: www.schleeh.de)

Keine Frage: Das Google Glass ist ein Will-ich-haben-Ding, das uns wieder ein kleines Würfelchen unbeobachteten Raums raubt. Die Frage ist eher: wie viel ist davon noch übrig. Am selben Tag, an dem ich das Foto ausfindig machte, habe ich mit meinem Smartphone einen ganz banalen QR-Code abgescannt. (Auf Fischstäbchen, um genau zu sein: ich wollte mal wissen, wieviel mir denn der Hersteller tatsächlich über die Herkunft der Panadepixel verrät.) Dafür habe ich die auf Mustererkennung spezialisierte App “Google Goggles” verwendet. Und mir dabei nichts Böses gedacht.

Minuten später sehe ich in der Benachrichtigungs-Zeile des Telefons ein mir unbekanntes Symbol. Es stammt von der “Goggles”-App: 2 Übereinstimmungen gefunden. Eine davon mit den Produkten eines für seine Blumenmuster bekannten finnischen Haushaltsartikelfirma – die App hatte das Muster auf dem Lätzchen meiner Tochter entdeckt. Auf einem Monate alten Foto.

Nun, beklag dich nicht, mündiger Kunde. Die Erlaubnis zum Zugriff auf die Kamera und damit auch die Foto-Bibliothek meines Smartphones habe ich der App erteilt. Einmalig, bei Installation. Dass das heißt, dass auch nicht mit Goggles gemachten Fotos auf einen Google-Server geladen und dort ausgewertet werden, muss mir wohl irgendwie entgangen sein. Ich bin nicht über die Maßen paranoid, aber dass Big Data Brother schon mit meiner Familie am Esstisch sitzt, hätte ich gerne verhindert.

Eine neuere Folge meiner BBC-Lieblingsserie “Doctor Who” hatte vor einiger Zeit ein Szenario, in dem die außerirdischen Bösewichte den Helden jederzeit verfolgen konnten – einfach weil sie Zugriff auf fast alle vernetzten, digitalen Kameras hatten. Die fast vollkommene Überwachung des öffentlichen Raums mit Servern und den Augen privater Kameras.

Ich fürchte allmählich, dass das kein Science Fiction mehr ist.

24. April 2013
von Jan Eggers
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Breaking Non-News: Wie man im Krisenfall kühlen Kopf bewahrt

Die Nachrichtensender haben eine Handvoll Moderatoren und eine Handvoll Reporter. Die mögen glaubwürdig wirken, aber das Ganze ist weit davon entfernt, eine solide Recherchemaschine zu sein. Was die Nachrichtensender haben, ist ein Stall voll Producer. Deren Hauptjob ist, Experten und Kommentatoren heranzubaggern. Die mögen einen Ruf haben und geschminkt sein, aber im Prinzip raten sie nur herum.

“Broken News: How To Get Through A Major Cable TV News Event”, guardian.co.uk

Falschmeldungen über Verhaftungen, äußerst spekulative Opferzahlen oder – wie im Beispiel, das der Late-Night-Comedian Stephen Colbert aufspießt – die Hexenjagd auf Unbeteiligte: Die Anschläge von Boston haben gezeigt, wie hilflos viele Nachrichtenmedien im Zeitalter von Twitter agieren. Die Informationen sind da draußen, jeder twittert darüber – sollen wir also nicht auch darüber berichten? In dieses Dilemma geraten Online-Redaktionen spätestens dann, wenn sie ein Ereignis über einen Liveticker begleiten wollen, die Onliner-Version des 24-Stunden-Nachrichtenfernsehens.

Es gibt gute Argumente, die gerade in Breaking-News-Situationen für Ticker sprechen:

  • Es gibt eine starke Nutzer-Nachfrage nach Live-Tickern.
  • Die Berichterstattung mit Social Media anzureichern bietet einen echten Mehrwert – zumal der Nachrichtenstrom bei Twitter den Agenturmeldungen in manchen Belangen und Situationen klar überlegen ist.
  • Drittquellen und user-generated content erhöhen die Anzahl der Blickwinkel auf ein komplexes und unübersichtliches Ereignis.
  • Nutzer, deren Tweets und Kommentare eingebunden werden, fühlen sich ernster genommen – das steigert die Identifikation und die Glaubwürdigkeit.

Auf der anderen Seite stehen erhebliche Risiken:

  • Es ist praktisch unmöglich, keine Fehler zu machen – die Schwierigkeiten, Quellen in Echtzeit zu verifizieren, waren ja schon ausführlich Thema hier.
  • Es droht die Beliebigkeit: wenn der Ticker gegenüber dem automatisierten Nachrichtenstrom keinen Mehrwert bietet, haben die Journalisten wieder ein Stückchen Existenzberechtigung aufgegeben.

Nachrichtenregeln – etwa die Bedingung, dass zwei unabhängigen Quellen vorliegen müssen – helfen nur bedingt, wenn das Netz von Gerüchten schwirrt; Fehler werden trotzdem passieren; die Abgrenzung ist häufig schwierig: muss ich etwas zum Thema machen, einfach weil inzwischen sowieso jeder davon gehört hat, auch wenn ich es nicht verifizieren kann?

Die Unsicherheit zum Thema machen

Der folgende Vorschlag greift eine Anregung des Journalismus-Vordenkers Jeff Jarvis auf: es könnte helfen, Breaking-News-Seiten bauen, die von vornherein die Unsicherheiten in der Berichterstattung berücksichtigen und den Nutzern klar Aufschluss darüber geben, was man wissen muss – und was man nicht wissen kann.

Liveseite - oben Infokasten "Was wir wissen, was wir nicht wissen", Liveticker, Tabs für Hintergrundartikel und Quellen

Entwurf einer Breaking-News-Seite zu einem fiktiven Ereignis: schneller Überblick über die Fakten – und über die Lücken, Liveticker mit Einbindung von Drittquellen und user-generated content, Platz für Hintergrundartikel und Links zu Echtzeit-Quellen.

Der Mehraufwand gegenüber einem herkömmlichen Live-Ticker ist gering: Gepflegt werden muss der Überblickskasten und die Quellen-Liste; der Rest liegt ohnehin vor. (Überblickskästen zu Tickern sind natürlich nichts Neues: hier ein Beispiel der BBC aus dem Jahr 2011.)

Auf Social Media und Ticker ganz verzichten?

Accuracy is always supposed to trump speed in reporting, but it’s hard to be the last to report a major development.

Der Ex-CNN-Moderator Ali Velshi über Quellen, Gerüchte und Live-Nachrichten, qz.com

Soll man im Sinne nachrichtlicher Seriösität also nicht lieber strenge Informationsdiät pflegen? Wo wir doch wissen, dass Informationsschnipsel uns nicht klüger machen, sondern dümmer? Verzichten auf hechelnde Aktualität, auf Geräusch und Gerausch aus dem Sozialen Netz – verzichten auf kuratierende Ticker ?

Meiner Meinung nach hieße das: das Kind mit dem Bade ausschütten. Zum einen lösen große Nachrichtenereignisse bei uns ein schier unstillbares Bedürfnis aus, mehr zu wissen – deshalb funktionieren Liveticker so gut. Daran ist meines Erachtens nichts Verwerfliches, wenn wir Journalisten den Service leisten, den Nachrichtenstrom einzuordnen und Orientierung zu bieten. Ohnehin: der klassische Ansatz, auch online gewissermaßen in Zeitungsartikel-Form zu berichten, hat andere  gravierende Schwächen. Und als digitaler Journalist sollte man der Versuchung widerstehen, wieder einmal einen Gegensatz zwischen Profi-Journalisten einerseits und Stimmen von Nutzern im sozialen Netz zu konstruieren – und ehrlich sein: hat das nicht vielleicht doch auch damit zu tun, dass wir uns mit Kritik und Anregungen schwer tun?

Breaking News in Social Media

Social Media und herkömmliche Medien hängen voneinander ab: Der Programmierer und Designer Hong Qu hat für den Journalismus-Thinktank Nieman Lab die Nachrichten über die Anschläge von Boston analysiert. [Klick aufs Bild führt zum Quell-Artikel]

Online bietet sich die Chance, die blinden Flecken auszuleuchten, die Nachrichtenberichterstattung häufig hat: Nutzer sollen Orientierung bekommen, sie sollten benannt bekommen, was derzeit niemand wissen kann, und sie sollten erfahren, wie und aus welchen Quellen die aktuellen Nachrichten zustande kommen. Das ist, zugegebenermaßen, nicht vom Ticker abhängig – aber gerade beim Einsatz eines prozessjournalistischen Tools wie ScribbleLive oder Storify um so wichtiger.