15-Minuten-Quellencheck

Version 2.1 vom Oktober 2012 (Download V2.03 als PDF hier) - CC BY-SA Jan Eggers. Warum und was: Hintergründe. NEU: Bookmark-Dateien zum Import in den Browser hier zum Download

Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen. (Karl Popper)

07.29.10 - day 143  this is the face i make when i'm sleuthing. CC BY-NC-SA stefernie via flickr

Es gibt nichts Wahres, sondern allenfalls Annahmen, die noch nicht widerlegt sind – der Popper’sche Positivismus empfiehlt sich auch, wenn wir uns eine Quelle aus dem Netz erschließen und darüber nachdenken, ob wir ihr denn trauen sollten. Was wir immer tun sollten – gerade bei der Internet-Recherche unter Zeitdruck.

Wie aber kann man schnell und effizient seiner journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge tun – in, sagen wir mal: 15 Minuten? Der britische Journalist und Journalistik-Dozent Paul Bradshaw nennt drei Dinge, die man prüfen muss: Content, Context, Code. Da das ebenso leicht zu merken wie praktisch ist, lehnt sich unser 15-Minuten-Check daran an – und ergänzt ein viertes C: Contact.

Letzte Sicherheit werden wir auch dadurch nie haben – es geht vor allem darum, unsere Sinne für Ungereimtheiten zu schärfen. Im besten Popper’schen Geist hilft es auch, nicht nur nach Bestätigung zu suchen, sondern vor allem nach Widersprüchen – was könnte unsere Quelle widerlegen?

Diese Zusammenstellung verdankt sich vor allem den folgenden Quellen:

1. Content – was ist drin?

Recherchefragen:

  • Wittere ich einen Köder? Ist das, was da zu lesen ist, zu gut, um wahr zu sein – zu stimmig und zu sensationell; riecht also irgendwie danach, dass es nur danach schreit, verlinkt zu werden?
  • Gibt es Brüche in Stil und Persönlichkeit? Würde diese Person tatsächlich so schreiben? Was schreibt sie sonst? Vermittelt die Quelle den Anschein von Integrität und Seriosiät; wo gibt es Unstimmigkeiten?
  • Wie alt ist die Quelle? Je länger die Quelle in Stil und Themenwahl vorhanden und stimmig ist, desto vertrauenswürdiger. (Aber Achtung: wer wirklich einen großen Coup plant, kann auch schon mal ein paar Wochen Historie simulieren – oder sich in ein Blog mit Tradition einhacken bzw. es schlicht kaufen.)
  • Finde eine zweite Quelle für Exklusiv-Informationen – diese Nachrichten-Regel hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren, auch im Sozialen Internet nicht. Wenn es keine zweite Quelle gibt, darf man sich darüber wundern. Wenn es sie gibt, sollte man unbedingt sicherstellen, dass es auch eine unabhängige Quelle ist – und nicht nur retweetet oder abgeschrieben.(1) Deshalb unbedingt prüfen:
  • Woher kommt der Inhalt? Sind Bilder oder Texte schlicht von anderswo kopiert? Auch vermeintlich gute Quellen schreiben ab – finde den Ursprung der Information. Gerade in sozialen Netzen wie Twitter werden Informationen gerne auch mal ohne Urheber weitergegeben – wenn Nicht-Journalisten Worte verwenden wie „EIL“, „BREAKING“, „DRINGEND“ oder „EXKLUSIV“, ist das ein Warnzeichen. (2)

Werkzeuge:

Anmerkungen:

  1. Marcus Lindemann halt das für eine der zehn gefährlichsten Fallen beim Faktencheck, die er in einem lesenswerten Artikel für den Journalist 09/2011 zusammengefasst hat.
  2. Der US-Redakteur Andy Carvin, der viel und tief in sozialen Netzen recherchiert, hat das geradezu als Warnzeichen ausgemacht: Wenn Nichtjournalisten die Sprache der „breaking news“ annehmen, dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas faul, meint Carvin. Vgl. „Is This The World’s Best Twitter Account? Meet Andy Carvin, verification machine” in der Columbia Journalism Review

2. Context – was ist drum herum?

Recherchefragen:

  • Bei Social-Media-Quellen: Wer verlinkt auf die Quelle? Der Politiker bzw. Popstar bzw. Pressemensch, der hier angeblich twittert oder facebookt, müsste den Kanal doch auf seiner eigenen Website erwähnen.
  • Bei Webseiten: Impressum und angeblichen Urheber checken – DENIC- bzw. WHOIS-Abfrage (siehe unten: Werkzeuge). Wenn ich nichts über einen Urheber finde – bin ich sicher, dass er/sie gefunden werden will?
  • Zeig mir deine Freunde! Mit wem war die Quelle zuerst „befreundet“? Nach dem Urheber suchen – in welchen Kontexten taucht der entsprechende Name auf? Passt das zur angeblichen Persönlichkeit und zum Thema? Waren das Menschen, die im Umfeld der vermeintlichen Person zu finden sind? Sprechen sie über diese Online-Person (siehe oben: Verlinkung)?
  • In welchem Zusammenhang taucht die Quelle noch auf? Ist das stimmig?
  • Wie sah die Umgebung aus zum Zeitpunkt des angeblichen Ereignisses? Bei Fotos und Videos: Wie war das Wetter? Kann das stimmen?

Werkzeuge:

  • Die Erkenntnisse aus der Contentsuche nach Text- und Bildplagiaten nutzen: Woher bezieht die Quelle ihr Material?
  • Google und Bing: für Impressums- und Kontaktadressen-Suche (Beispiel 1) (Beispiel 2). Bonustrick: Wenn Google-Werbung auf die Seite verweist, kann man kommerzielle Interessen unterstellen.
  • Verlinkungs-Analyse z.B. mit backlinkwatch.com. Zusatznutzen: Bei Bloggern ist es üblich, dass sie bei Kommentaren in anderen Blogs auf ihr eigenes Blog verlinken – das Tool listet also Kommentare des jeweiligen Blog-Eigentümers auf. Genau genommen: alle Kommentare, bei denen jemand behauptet hat, er sei der Eigentümer dieses Blogs.
  • Die DENIC-Domainabfrage (für .de-Webseiten – nennt immer einen Domaininhaber und „Administrativen Ansprechpartner“) bzw. WHOIS (für .org, .net, .com etc. – liefert leider meist nur wenig Informationen)
  • Welche anderen Social-Media-Konten gibt es unter diesem Nutzernamen? Eine Suche bei namechk.com kann helfen.
  • Spezialsuchmaschinen: Was hat jemand in User-Foren bzw. Social-Media-Kanälen so von sich gegeben? Mentionmapp ist ein Dienst, der untersucht, mit welchen anderen Konten ein Twitter-Nutzer in Beziehung steht (Achtung: faktisch wenig aussagekräftig).
  • Infodatenbanken zu Wetter und sonstigen Bedingungen vor Ort gibt’s unzählige – ich mag die “Antwortmaschine” Wolfram Alpha.

3. Code – was verrät die Technik?

Hier ist am ehesten Expertenwissen gefragt – diese Methoden sollte man nur mit großer Zurückhaltung interpretieren.

Recherchefragen:

  • Was steht in den Metadaten? Oft finden sich in Bildern Informationen über die Entstehung – in einer JPG- oder PNG-Fotodatei sind in den so genannten EXIF-Daten Informationen über Datum und Uhrzeit, die verwendete Kamera und den Urheber hinterlegt. Smartphones speichern gar die Geokoordinaten in den Metadaten. Auch Werkzeuge wie Photoshop tragen sich dort ein. Office-Dokumente können frühere Versionen oder verräterische Metadaten wie Autorenkürzel und Organisation enthalten. Auch PDF-Dateien haben Metadaten – also unbedingt unter „Datei/Eigenschaften…“ nachsehen.
  • Gibt es Manipulationsspuren? Wenn eine JPEG-Datei nachbearbeitet wird, verändert das leicht das Bildrauschen – das mit Spezialtools sichtbar gemacht werden kann.
  • Ist die Webadresse verdächtig? Ein Webangebot, das angeblich in Deutschland residiert und keine .de-Adresse hat, und bei dem die WHOIS-Daten keinen Ansprechpartner enthalten, könnte etwas zu verbergen versuchen.
  • Was verrät der E-Mail-Header? Die Kopfdateien einer E-Mail – das sind die Informationen, die die Mailserver beim Weiterversand hinzufügen, in Groupwise bei jeder E-Mail unter dem Reiter „Nachrichtenquelle“ – enthalten Daten, die gefälschte E-Mail-Absender entlarven können (leider nicht: müssen) und Rückschlüsse auf den Absender zulassen.

Werkzeuge:

  • Metadaten von Fotos – mit dem Online-Tool FotoForensics kann man sich alle Metadaten anzeigen lassen und sogar nach Manipulations-Spuren suchen, die sich über hellere Stellen im Fehlerrauschen bemerkbar machen.
  • Das Programm JPEGSNOOP versucht selbsttätig zu bestimmen, ob ein Foto manipuliert ist (mehr dazu bei Paul Bradshaw).
  • DENIC-Domainabfrage und WHOIS haben wir schon erwähnt.
  • IP Checker schaut, welche Webseiten auf dem gleichen Server liegen – was aber gar nichts verrät, wenn der Webseiten-Betreiber einen Massenanbieter wie Strato, Hetzner oder 1&1 nutzt. Mit einem Geolokations-Tool wie netip.de kann man versuchen, herauszufinden, wo ein Server steht.
  • Diese Website bietet eine Analyse des E-Mail-Headers an – ein Beispiel, wie man diese Informationen zum Nutzen der Story analysieren kann, findet sich im Werkstattbericht von Pia Grund-Ludwig im Journalist 11/2011.

4. Das 4. „C“ – Contact!

Recherchefrage:

  • In Zweifelsfällen: Gibt es eine Möglichkeit, nachzufragen? Das Netz bietet die Möglichkeit, relativ schnell Kontakt aufzunehmen. Soziale Netze bieten die Möglichkeit, nachzufragen; Webseiten bieten Kontakt-E-Mail-Adressen und (über Denic und Whois) häufig Telefonnummern. Twitter-, Facebook- und sonstige Social-Media-Profile kann ich direkt über die jeweilige Plattform kontaktieren. Antwortet das Konto?

Natürlich: Auch wenn ich mit dem vermeintlichen Betreiber eines Angebots gesprochen habe, bietet das keine endgültige Sicherheit – Fälle, in denen eine täuschend echt aussehende Website zu einer täuschend echt klingenden Telefonstimme führte, soll es auch schon gegeben haben.

An Popper denken: Je außergewöhnlicher die Behauptung, desto größer ist unser Misstrauen!

Werkzeuge:

6 Kommentare

  1. Fehlt jetzt nur noch eine Liste mit allen Links zum Abspeichern im Browser (gibt es so etwas? Lesezeichen-Ordner zum Abspeichern?)

  2. Ich glaube, beim Satz um fehlt ein Verb.

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