Scherbengericht 2.0

Definition eines Strebers im Jahr 2009: Jemand, der sich weigert, bei SchülerVZ präsent zu sein.

(Essenz einer Unterhaltung mit der 17-jährigen Schülerpraktikantin über ihre Mediennutzung)

Nachtrag, 8.5.09: Die SZ hat für ihr Magazin über die Zeitungskrise eine 20-Jährige ihre Mediennutzung an einem ganz normalen Samstag protokollieren lassen. Einprägsam: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29166

Thomas Knüwer entdeckt den Newsroom

Ich muss gestehen, dass ich Thomas Knüwer, das Kamerakind vom Handelsblatt, nicht sonderlich gern oder oft lese. Was er unlängst über einen Besuch beim „Guardian“ geschrieben hat, fand ich bemerkenswert: Knüwer gerät ins Schwärmen über das Londoner „Guardian“-Stammhaus, das Print- und Online-Produktion konsequent zusammengeführt hat.

„Dazu dürfte wohl auch eine revolutionäre Maßnahme beigetragen haben: In drei großen Ressorts hat der „Guardian“ die Grenzen zwischen Online- und Print-Redakteuren aufgehoben – es gibt nur noch Redakteure.“

Auch im großen Newsroom sind die Wände weg – die Ressorts sind im Redaktions-Großraum vereint. Und es gibt Radiostudios ebenso wie Video-Schnittplätze.

Newsroom, multimediales Arbeiten, integrierte Produktion: das haben natürlich auch andere. Und schließlich wäre alles andere überraschend bei einem Verlagshaus, das seine Zukunft so konsequent im Internet sucht wie der „Guardian„. Bemerkenswert ist an Knüwers Erfahrungsbericht, wie sehr der Handelsblatt-Redakteur ins Hymnisieren gerät – einen „Besuch in der Zukunft“ will er hinter sich haben. Was natürlich Rückschlüsse auf die Arbeitsumgebung des Holtzbrinck-Hauses Handelsblatt zulässt – und so liest sich Knüwers Bericht wie ein Wunschzettel an die Führungsetage seines eigenen Hauses. Ob das mit dem Rundumschlag seines Chefredakteurs gegen die „Dummschwätzer“ unter den Medienbloggern zu tun hat?

Memoiren eines analogen Immigranten

Eine Aufzeichnung.

„Hier werde ich wohl immer ein Fremder bleiben. Die hier Aufgewachsenen, die „digital natives„, ich kann sie kaum verstehen. Sie simsen, chatten, googeln, bloggen, twittern, als sei das völlig selbstverständlich; ihre mobilen Computertelefone sind die natürliche Verlängerung ihrer jungen Körper und nicht wie bei mir der Quälgeist in der Tasche. Always on, immer online – mich lenken sie ab, die ständigen Updates, Verschiebungen, Datenströme; die Generation Facebook zehrt davon: Sie sind besser informiert, sie sind besser vernetzt, sie haben mehr Sex. Über meine Zeitung, mein Telefon, meine CDs lachen sie nur. Selbst der magische Kasten meiner Tage, das Fernsehen, hat keine Macht über sie; sie finden ihn langweilig. Und dann gehen sie nach draußen und treffen alle ihre Facebook-Freunde im wirklichen Leben: Nicht einmal Stubenhocker sind sie geworden. Und ich kann ihnen nicht folgen. Wie bin ich hierher geraten?“ „Memoiren eines analogen Immigranten“ weiterlesen

Blogschau, verspätet

Nicht ganz so zeitverzögert wie der Blog-Bericht aus dem Newsroom der britischen dpa, aber trotzdem noch mit etwas Sedierzeit dazwischen: als ich am Wochenende in einer Runde deutlich dem Rentenalter angehöriger Herrschaften gefragt wurde, warum das Internet uns Journalisten denn so verunsichere, schließlich sei es doch immens unpraktisch, erst den Computer einzuschalten, um einen Film zu gucken oder die Nachrichten, entgegnete ich, das sei ja genau einer der Unterschiede: dass wir, die über 40-Jährigen, unseren Rechner überhaupt erst noch hochfahren müssen, weil er nicht ohnehin dauernd läuft.  Leider ließ die Durchschlagskraft meiner Argumente zu wünschen übrig; eine Mitschuld gebe ich der Tatsache, dass mein iPhone an diesem Ort keinen Empfang hatte und deswegen nicht zur Demonstration von „always-on“ taugte.

Besser beschreibt das Phänomen des digitalen Generationenwandels Wolfgang Stieler in einem Artikel der aktuellen Technology Review, der online leider nur angerissen wird – als Bonus aber ein Interview mit einer Sozialanthropologin enthält, die die digitalen Generationen erforscht.

Wie tief der Wandel in der Medien-Nutzung geht, wie tief der Graben ist zwischen den „digital immigrants“ (der Generation Festnetzanschluss) einerseits und andererseits denen, die jetzt unter 30 sind, die also ganz selbstverständlich nicht nur mit dem PC aufgewachsen sind, sondern mit Internet, Mobiltelefon, Vernetzung überall – das sei noch gar nicht richtig bei den klassischen Medien angekommen, argumentiert Matthias Schwenk in seiner lesenswerten und präzisen Analyse. Er beschreibt, wie der Themen-Empfehlungsdienst Zeitung in der Generation Facebook längst durch die Feeds der Freunde ersetzt wird, und er spricht ganz ruhig eine Warnung an uns klassische Medien aus: er fragt sich,

„… ob Zeitungen, die gerade beginnen sich mit dem Internet näher anzufreunden, dort nicht schon wieder den Anschluss verlieren, weil sie von einem überholten Kommunikationsmuster ausgehen.“

Wo der Carta-Autor mit der plattformüblichen intellektuellen Kühle argumentiert, ist Thomas Wanhoff angesichts fröhlich auf einem Stapel Twitter-Follower herumhüpfender Redaktionen schon längst der Kragen geplatzt:

„Fischen wo die Fische sind ist angesagt: Wer neue Leser finden will, muss dorthin gehen wo sie sind und sie so ansprechen, wie sie es gewohnt sind. Ich frage mich, warum ich und andere das seit Jahren herunterbeten und es Medien doch so schwer fällt, das einfach umzusetzen.“

Zuvor hat er, das sei zu seiner Ehrenrettung angeführt, einen langen Atem gepredigt beim Erlernen sozialer Netzwerke, und das lässt mir auch seinen Artikel lesenswert erscheinen.Nicht ganz so zeitverzögert wie der Blog-Bericht aus dem Newsroom der britischen dpa, aber auch nicht unbedingt in Echtzeit: