Jan Eggers

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Spass mit Hass!

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"I love Haters!" CC BY-NC-SA Erik Gustafson/via flickr.com

„I love Haters!“ CC BY-NC-SA Erik Gustafson/via flickr.com

Ein guter Vorsatz für 2016: in diesem Jahr den ersten Rhein-Main-Troll-Poetry-Slam mitorganisieren. Ich bin ja immer schon ein großer Freund von Veranstaltungen, die einem helfen, das Elend wegzulachen. Und wenn man sich mit Kommentaren bei Facebook, Youtube und Twitter beschäftigt, gäbe es weiß Gott eine Menge wegzulachen derzeit. Sascha Lobo hat dazu gerade alles gesagt, und in mir wächst die Überzeugung, dass die alte „Don’t feed the troll“-Regel – aggressive Kommentare gar nicht ignorieren – nicht mehr funktioniert. Dafür sind einfach zu viele unterwegs, die eine klare Agenda haben: Sie wollen uns, unsere Diskussionen, missbrauchen, um ihre Botschaften zu streuen. Und ich finde, wir dürfen ihnen nicht kampflos das Feld überlassen. Wir müssen gegenhalten – mit Gegenrede, dem „Verbergen“-Button, und ab und zu mit Sarkasmus bis hin zur öffentlichen Anprangerung von Propagandisten.

Schwarze Rhetorik für Spielkinder

Ist „Public Shaming“ – ist das öffentliche Anprangern von Faslern, Polterern und Pöblern a la Welt – nicht unfair? Muss man nicht auch aggressiven Nutzern mit Gleichmut und Sachlichkeit begegnen? Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte, hat der Philosoph Hans-Georg Gadamer mal gesagt. Also: Im Prinzip ja, wenn der andere überhaupt gesprächsbereit ist (vergleiche den „Trolldetektor“).

Wer sich aber in Diskussionen einlässt mit Leuten, die in ihrer geschlossenen Welt leben und weiter leben wollen, oder die unsere Seite als Bühne missbrauchen wollen, der verhält sich wie jemand, der in einer Kneipenschlägerei mit einem aggressiven Säufer unbedingt nach den Queensberry-Regeln boxen will.

Auf der anderen Seite will man ja nicht, dass die Abgründe, in die man da manchmal starrt, in einen selbst hineinblicken. Ein Mittel zur Selbstverteidigung ist also gesucht – und da habe ich durch Zufall ein sehr schönes Werkzeug gefunden, mit dem man auch noch etwas lernen kann: das Rhetorische Quartett. Ein wunderbar aufgemachtes Kartenspiel, dessen Macher die diversen Klassiker ausgewertet haben – und die häufigsten rhetorischen Tricks auf 60 schön gestaltete Spielkarten gepackt.

Drei Aktionskarten des Rhetorischen Quartetts: Verallgemeinerung, Suggestion, Falsches Dilemma

Scheinargumente, Ablenkungsmanöver und schlecht gestützte Behauptungen – das sind einige der Waffen, die die Propagandisten und Störer immer wieder einsetzen, in der (häufig) berechtigten Hoffnung, uns damit so sehr zu beschäftigen, dass wir sie gewähren lassen. Nicht mehr: denn jetzt zeigen wir ihnen die Karte.

Das Wunderbare am Rhetorischen Quartett: die Karten stehen unter CC BY-NC – und sie sind alle direkt verlinkbar (wenn auch in einer etwas älteren Version). Anstatt mir gegen die Aluhüte den Mund fusselig zu reden – gedenke des 1. Linuziferschen Trollgesetzes: wer zu viel Worte braucht, verliert – verlinke ich einfach auf den Trick, mit dem sie versuchen, die Diskussion an sich zu reißen.

Etwa so:

…gegen das „Wer so anfängt, den braucht man gar nicht zu lesen“-Argument:

https://twitter.com/MerkelMussGehen/status/689828969672241152

-> Verlinkung auf A4: Ablenkungsmanöver/Meta. Boshaftigkeit 5, Themenbezug 1, Sachlichkeit 4, Überzeugung 2.

…gegen das Hörensagen-Argument:

"Man du Depp es kostete 40-50 Milliarden in 2015 und wird dieses Jahr 60-70 Milliarden kosten was alles an Aufwand zusätzlich entsteht. Dies wird dir in Form von Steuern, weniger Infrastruktur, usw. wieder rausgesaugt."

(Originalquelle hinter dem Bild verlinkt)

-> B1:Hörensagen. Boshaftigkeit 3, Themenbezug 5, Sachlichkeit 2, Überzeugung 4.

…gegen Neidargumente:

"Unglaublich, da wird mal wieder am falschen End gespart. Die sollten besser erstmal bei den Dienstwagen sparen."

(Es ging um fehlende PC an einer Offenbacher Schule; Originalquelle hinter dem Bild verlinkt)

-> E4: Missgunst. Boshaftigkeit 4, Themenbezug 2, Sachlichkeit 1, Überzeugung 3.

…gegen Angriffe auf die Person:

"Noch so ein dummer Beifallklatscher."

(Originalquelle hinter dem Bild verlinkt)

-> C4: Ad Hominem. Boshaftigkeit 5, Themenbezug 1, Sachlichkeit 5, Überzeugung 3. (Und eigentlich ein unstrittiger Fall für eine Löschung: Beleidigungen sollten schon gar nicht stehen bleiben.)

Gegen das klassische „Derailing“…

"Die Flüchtline bekommen unser Geld in den Ar.... gesteckt und wir sollen alles zahlen ! Armes Deutschland !!!"

(Der Beitrag hatte kommunale Erschließungskosten zum Thema; Quelle hinter dem Bild verlinkt)

…also den Versuch, eine Diskussion in eine ganz andere Richtung zu quälen, gibt es leider keine Karte. Vielleicht am ehesten noch die hier: N1 Deutungshoheit; Bosartigkeit 3, Themenbezug 1, Sachlichkeit 2, Überzeugung 3.

Glanz und Elend

Alle rhetorischen Tricks des "Rhetorischen Quartetts" als ÜberblicksposterPerfekt ist das „Rhetorische Quartett“ nicht, zumindest nicht aus Sicht des Kommentarmoderators. Neben der „Derailing“-Karte fehlt mir vor allem die „Trollkarte“ für die absichtliche, anlasslose Provokation – und es sind, ganz ehrlich, dann doch ziemlich viele Karten, wenn man den Überblick bewahren will. Um schnell die unredlichen Kniffe in einer Diskussion zu identifizieren, ist das Überblicksposter besser, das die Macher auch anbieten. Ebenso schön gestaltet, und ebenso unterhaltsam und lehrreich.

Sehr hübsch ist auch die Variante als Bingo. Man zieht vier Karten, begibt sich in den Kommentarstrang eines beliebigen Flüchtlings-/Impf-/Gamergate-Posts und sucht. Der/die erste, der/die alle gezogenen Tricks nachweisen kann, gewinnt. Ein kluger Kollege von mir hat mal gesagt, Facebook-Kommentare solle man nur lesen, wenn man dafür bezahlt wird – so hat man wenigstens Spaß dabei. (Wenn ich dazu komme, mache ich mal ein Kommentarspalten-Spiel draus.)

Und was soll das bringen?

Wir wissen: es bringt nichts. Menschen, die sich in ihrer Meinung und ihrer jeweiligen Filterblase respektive Echokammer verpanzert haben, sind nicht zu erreichen – dafür sorgen ein paar fatale psychologische Mechanismen:

Die Aluhüte, Werwölfe und Lügennetzer werden wir nicht bekehren oder zum Nachdenken bringen – was dafür spricht, den Aufwand zu begrenzen – aber wenn wir ihnen das Feld überlassen, wirkt es sich ebenso fatal aus. Wissenschaftlich erwiesen: Negative Kommentare setzen den Ton – und sie beschädigen die Glaubwürdigkeit auch ansonsten makelloser Inhalte. Also müssen wir gegenhalten.

Our house, our rules.

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

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