Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Archiv für das Schlagwort ‘Medienwandel’

“Die Leute werden immer zu faul sein zum Klicken!”

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Diesen Satz schleuderte mir 2002 ein Hierarch meines öffentlich-rechlichen Arbeitgebers entgegen – es ging, anlässlich meiner Einstellung als Radioredakteur, um die Frage, welchen Weg Radio, Fernsehen und Internet wohl nehmen würden. Dieser Hierarch war (und ist) nicht blind; das beliebte: „Das geht auch wieder weg“, das circa 2002 der Kommentar der meisten Entscheidungsträger zum Phänomen Internet war, kam ihm nicht über die Lippen. Und doch war ein Zweifel am Geschäftsmodell von Radio- und Fernsehsendern für ihn nicht zulässig: eben weil, so seine Überlegung, für die Dienstleistung, die sie bieten, auf absehbare Zeit Bedarf bestehen würde: Die Auswahl und Präsentation von Nachrichten, Informationen und Musik, das überlässt man doch lieber anderen; wer mag sich Kurzweil und Erkenntnisgewinn schon immer selbst zusammensuchen.

Das Konzept hinter dieser Überlegung heißt „lean-back“. Es grenzt Medien, die eine aktive Beteiligung des Nutzers erfordern – querlesen, auswählen, studieren – ab von denen, die man bequem zurückgelehnt im Sessel konsumieren kann und dafür allenfalls die Fernbedienung in die Hand nimmt: die also nur einfache, vorkonfigurierte Wahlmöglichkeiten bieten. Fernsehen ist also das Lean-Back-Medium schlechthin, und wie wir wissen, war es damit siegreich.

Lean-Forward-Nutzung par excellence dagegen am Rechner: Das Web erfordert, dass man sich über den Rechner beugt und sich von Link zu Link klickt. Bisher. Denn auch das Internet hat längst die Stufe erreicht, an der sich der Nutzer zurücklehnen kann: „Das Web ist tot, es lebe das Internet“, titelt das US-Magazin Wired in seiner kommenden Titelgeschichte. Sie dreht sich um die überraschende Tatsache, dass das, was uns gemeinhin zu „Internet-Nutzung“ einfällt – mit dem Browser durchs WWW surfen – nur einen Bruchteil des gesamten Internet-Datenverkehrs ausmacht, und dieser Anteil sinkt weiter. Statt dessen explodiert die Menge der Daten, die über Apps konsumiert werden – Programme, die Videos, Kommunikation und Information aus dem Netz aufs Mobiltelefon und aufs Pad bringen, nur besser. Diese Apps aber – und das ist der Witz an ihnen – sind nichts anderes als die Übertragung der „Lean-Back“-Idee aufs Internet – wir sind tatsächlich zu faul zum Klicken, argumentiert Wired, selbst wenn wir damit Geld sparen könnten:

Blame human nature. As much as we intellectually appreciate openness, at the end of the day we favor the easiest path. We’ll pay for convenience and reliability, which is why iTunes can sell songs for 99 cents despite the fact that they are out there, somewhere, in some form, for free.

Die Faulheit als treibende Kraft: wie schon das Sofakartoffelmedium Fernsehen die deutlich anstrengendere Zeitung als Leitmedium besiegt hat, setzen sich im Netz allmählich Angebote durch, die „lean-back“ sind: mit dem iPad ist sogar eine ganze Geräteklasse um diese Art der Mediennutzng entstanden. Das allerdings heißt für die alten, analogen Leitmedien Fernsehen und Radio, dass sie ernst zu nehmende funktionale Konkurrenz haben.

Auch das ist nichts Neues, und wie so oft zeigt der Trend in den USA, wohin die Reise geht: Die großen Fernsehprogramme sind massiv gealtert, meldet die Nachrichtenagentur AP. Das hat sicherlich auch mit der geringeren Risikobereitschaft der großen Sender zu tun, über die AP schreibt, mit einer allgemein älter werdenden Bevölkerung und den erfolgreichen Nischenangeboten für jüngere Zuschauer. Dass Fernsehen langsam alt wird, ist meines Erachtens aber vor allem dem Bruch zwischen Analog- und Digitalzeitalter geschuldet, einer tief greifenden Änderung der Erwartungshaltung der Medienkonsumenten. (Über die ich hier ausführlich geschrieben habe.) Wer mit dem PC und dem Netz aufgewachsen ist, ist einfach deutlich weniger bereit, sich von einer linearen Programmauswahl beglücken zu lassen. Dabei muss die Alternative nicht immer aus dem Netz kommen; auch mit herkömmlichen DVDs lassen sich wunderbar die hohen Ansprüche der digitalen Generation an ein Fernsehprogramm umsetzen: die Online-Journalistin Mercedes Bunz hat das hier wunderbar beschrieben.

Auf den Punkt gebracht: Die Anzahl der Lean-Back-Alternativen zu TV (und Radio) steigt; es bleiben die, die mit analogen Programmen aufgewachsen sind, mit ihnen auch im Digitalzeitalter weiter leben und mit ihnen sterben werden

Es wird ein Trost für den eingangs zitierten Hierarchen sein, dass er Recht behalten wird.

Autor Jan Eggers

17-08-2010 um UTC22:01

Die Zukunft ohne Zukunft

1 Kommentar

Der sendungsbewusste Sterbekandidat, Teil 3: letzter Teil eines dreiteiligen Essays mit Überlegungen zur Gegenwart und Zukunft des Radios.

Was bisher geschah: Teil 1 [hier zu finden] hat sich den Unterschieden in der Medienökonomie und Binnenlogik zwischen dem analogen Radio und dem Metamedium Internet gewidmet. In Teil 2 [hier] bin ich zwei Kräften nachgegangen, die den düsteren Ausblick ein wenig aufhellen: dem Beharrungsvermögen einmal etablierter Medien und der menschlichen Faulheit, die sie dann doch wieder zu vorsortierten Programmpaketen greifen lässt – aber sind das die, die wir ihnen derzeit anbieten? In Teil 3 nun der Versuch, in die Kristallkugel zu blicken: in welche Richtung bewegt sich das Radio, und hilft das?

Da bleibt zunächst festzuhalten, dass über die letzten fünf Jahre in Nordamerika die Radiosender prozentual stärker gelitten haben als die kriselnden Zeitungen. Da sie nicht von Kleinanzeigen abhängen, trifft sie das nicht so hart wie den US-Zeitungsmarkt. Aber der Aderlass ist unübersehbar.

Zeit zum Sterben – viel Zeit

Beruhigend für Radiomacher: es geht dann doch nicht so schnell mit alledem. Radionutzung ist stark ritualisiert und situativ – sprich: morgens in der Küche und im Bad, bei der Hausarbeit, auf dem Weg zum Büro, dort hat das Radio seine Reservate. Für Situationen, in denen man die Hände nicht frei hat, ist das UKW-Radio derzeit noch fast konkurrenzlos; auch wenn Webradios allmählich auch Küche und Bad erobern. UMTS-Internetradios fürs Auto sind seit 2009 auf dem Markt; durchsetzen konnten sie sich bislang nicht, auch wegen der vielen Aussetzer, mit denen mobiles Webradio zu kämpfen hat. Und die im Festnetzzeitalter aufgewachsene Stammkundschaft läuft den Sendern auch nicht weg.

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Autor Jan Eggers

7-07-2010 um UTC08:41

Trost und Rat von Riepl und den Couch Potatoes

3 Kommentare

Der sendungsbewusste Sterbekandidat, Teil 2: nächster Teil eines dreiteiligen Essays mit Überlegungen zur Gegenwart und Zukunft des Radios.

Was bisher geschah: In Teil 1 [hier zu finden] habe ich skizziert, wie alt das Radio allmählich auszusehen beginnt. Jetzt gilt es festzuhalten, dass es so schlimm um das scheinbar vergreiste Medium nicht steht. Oder doch?

Radio

Internet

Bewohner der analogen Welt
„Generation Festnetz“
Netzbürger
“Digital Natives”
Linear
“Ich höre, was gerade läuft“
Interaktiv
“Was ich will, wann ich will, wie ich will, zunehmend: wo ich will“
Formatiert
Zielt auf den Median der Zielgruppe
“Broadcasting“
Individualisiert
Zielt in den Longtail
“Narrowcasting“
Geschlossen
Endliche Sendezeit und Senderzahl; Paket
“Die größten Hits und kurz das Wichtigste“
Anschlussfähig
Beliebig viel Platz, Mashups
“do what you do best and link to the rest”
Erst Auswahl, dann Veröffentlichung
Redakteure
“Qualitätsjournalisten als Gatekeeper.“ – „Was wir verwerfen,findet nicht statt.“
Erst Veröffentlichung, dann Auswahl
Schwarmintelligenz, Algorithmen
“Wenn etwas wichtig ist, wird es mich finden.“ —„Wikipedia und Youtube brauchen keine Redaktion.“
Sender->Empfänger
Top-Down-Kommunikation
“Spread the word – Verbreite die Botschaft“
Dialog
Kommunikation auf Augenhöhe
“Join the conversation – Sei Teil der Diskussion“

Der Todkranke kann vor Kraft kaum laufen

Das tot gesagte Medium Radio erfreut sich unterdessen scheinbar bester Gesundheit. 78,6 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren sind täglich Radiohörer. Etwas über drei Stunden am Tag hört der Durchschnittsdeutsche Radio; diejenigen, die sich nicht von vornherein als Radioverweigerer geoutet haben, bleiben im Schnitt sogar über vier Stunden dran. Zitat aus der Presseerklärung zur MA I/2010: weiterlesen… »

Autor Jan Eggers

6-07-2010 um UTC08:23

Der sendungsbewusste Sterbekandidat – das Problem mit dem Radio 2.0

2 Kommentare

Was soll aus dem ältesten elektronischen Medium werden im Internetzeitalter? Teil 1 eines Essays für den Tagungsband der Medientage 2009 in Passau. Gekürzt und überarbeitet.

“R@adio 2.0″ – wie, bitte, soll man das aussprechen? “Rätdio Two-oh” oder “Erklammeraffedio zweinull”? Klar ist: Der Vortrag “R@dio 2.0″ auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt Anfang Januar ist vom Start weg ein klarer Kandidat für Bullshit-Bingo.  Was soll’s: Besucher von Medienkongressen sind Kummer gewöhnt. Und trotz des Fremdschäm-Titels lohnt sich das Zuhören: Erwin Linnenbach, Geschäftsführer des unauffälligen Radio-Riesen Regiocast, spricht über das Radio der Zukunft. — Moment: Radio? Zukunft? Audiostream analog als Medium mit Wachstumschanchen? Linnenbach stellt es so dar. Er redet von steigenden Hördauern, von genauer Zielgruppenansprache, von Chancen für Newcomer. Und – nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg – von den guten Geschäften, die Regiocast mit dem Bundesliga-Webradio 90elf macht. Und spätestens da muss man wach werden: Live-Fußball, das wissen leidgeprüfte Medienmacher, hat seine eigenen Gesetze. Also, mal abseits der Verkaufe: lohnt es sich heute noch, mit Radio weiterzumachen – oder gar damit anzufangen? (Offenlegung: Der Autor hat seine Wurzeln vor allem im Radio und ist gelegentlich im Einsatz für diverse Radioredaktionen seines öffentlich-rechtlichen Arbeitgebers.)

Zeit für eine kleine Standortbestimmung des Radios im 21. Jahrhundert. weiterlesen… »

Autor Jan Eggers

5-07-2010 um UTC08:56

Ganz viele Sätze für den Journalismus

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Der Journalist Dirk von Gehlenhat, in Anlehnung an die Society of Professional Journalists, einen Rundruf durch die Blogosphäre gestartet und Journalisten dort gebeten, ihr Selbstverständnis für die Zukunft zu formulieren. Wenn man sonst davon nichts lesen will: der Überblicksartikel mit den Ergebnissen ist es in jedem Fall wert. Und ich überlege fieberhaft, wie man es schaffen könnte, die Aktion auch zu den Journalisten zu tragen, die in der analogen Welt zuhause sind – würden reine Zeitungs- und Fernsehredakteure all das unterschreiben? Vielleicht erfahren wir es über die Kommentare.

Autor Jan Eggers

4-06-2010 um UTC10:11

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