Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Hausboot auf iPhone-Display
Hausboot auf iPhone-Display

Wie ich daran scheiterte, das erste iPhone zu begreifen

| 1 Kommentar

Heute feiere ich das zehnte Jubiläum einer kleinen journalistischen Blamage. Damals, vor zehn Jahren, kam das erste iPhone auf den Markt – und ich wollte es nicht haben. (Das ist jetzt noch nicht die journalistische Blamage, aber hilft verstehen, was gleich kommt.) Während Freunde und Kollegen mich knufften und fragten, ob ich denn schon bei Apple vorbestellt hätte, war ich skeptisch gegenüber der Apple-Erfindung. Auch wenn mein erster Computer ein Apple war, mich also eine lange gemeinsame Geschichte mit den Apfelrechnern verbindet.

Im Studio-Gespräch bei hr3 sollte ich erklären, warum. Über das, was man über dieses iPhone wusste, hatten wir geredet – dass da wieder einmal ein Telefon auf den Markt kam, das die Funktionen eines Computers integriert hatte. Mit Organizer. Und E-Mail. Und Internetzugang. Und wer weiß noch alles. (Vielleicht erinnert sich noch jemand an das Parodie-Video, bei dem ein iPhone vom Fön über den Flaschenöffner bis hin zum Vibrator so ziemlich alles ersetzen durfte.) Und ich sollte nun sagen, warum mich, den Technikfreak, das alles nicht komplett aus den Socken haut.

Auf meine Antwort war ich damals ziemlich stolz.

Das Hausbootparadoxon

Ich antwortete nämlich mit einer Gegenfrage an den hr3-Moderator: „Wie wär’s wenn ich dir ein Hausboot verkaufe? Ist doch super – ist ein Haus. Und ist ein Boot.“ Ich grinste überheblich, als er Zweifel ausdrückte. „Siehste“, sagte ich. „Es mag sein, dass es ein Haus ist und ein Boot – aber es ist eben ein schlechtes Haus und ein schlechtes Boot. Wer ein Boot sucht, wird damit nicht glücklich, und wer ein Haus braucht, auch nicht.“ Paradox: Das Ganze ist offenbar weniger als die Summe seiner Teile!

Und so, argumentierte ich selbstzufrieden, sei es doch auch mit dem iPhone: Das sei – wenn man ehrlich ist – ein schlechtes Telefon und ein schlechter Computer. Der Rest sei der übliche, zugegebenermaßen gekonnte, Marketing-Hype aus dem Silicon Valley. Gute Verkaufe, schlechtes Produkt. Muss scheitern.

It’s all about user experience, Baby

Tatsächlich ist spannend, was ich damals nicht gesehen habe – nicht sehen konnte: Dass aus den Teilen ein neues Ganzes entstand, und mit diesem Ganzen völlig neue Nutzungs-Szenarien: Das iPhone ermöglichte Sachen, die man vorher mit keinem Gerät machen konnte. Und sie waren so einfach, dass man sie auch machen wollte. Die schnelle Nachricht von unterwegs, das Selfie, Fotos nicht nur machen, sondern auch mit dem Telefon präsentieren – kurz darauf Social Media. Das ist heute selbstverständlich und entstand doch erst mit dem ersten brauchbaren Smartphone. Dass das iPhone zugleich unsere Vorstellung davon neu definiert hat, was ein Computer ist und wie man ihn bedient, gehört dazu.

Inzwischen bin ich, als Zeitzeuge der digitalen Revolution, etwas vertrauter geworden mit dem Entwicklungs-Prinzip von Silicon Valley: Überleg dir genau ein Szenario, ein Nutzerbedürfnis – und dann baue die best mögliche Einheit aus Hard- und Software für das best mögliche Nutzererlebnis.

Und genau da lag die Blamage – ein Mangel an Phantasie. Ich konnte mir etwas, dass ich noch nicht erlebt hatte, einfach nicht vorstellen. Das sollte sich bald ändern – auch bei mir; ein knappes Jahr später schaffte ich mir ein iPhone 3G an, zum Twittern. Und ich versuche, mir etwas Demut aus dieser ein Jahrzehnt alten Erfahrung zu retten. Wann immer ich versuche, eine neue Technologie oder eine Neuentwicklung einzuschätzen, frage ich mich jetzt: Siehst du da nicht wieder nur ein Hausboot?

(iPhone-Foto: Pixabay, Hausboot: CC BY-SA Frank Weber/via Flickr.com)

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

Ein Kommentar

  1. …und gerade fällt mir durch einen Facebook-Kommentar zu diesem Post noch ein, dass ich beim iPad dann schon viel vorsichtiger war. Immerhin lag ich mit meiner Einschätzung: „Das iPad ist ein Computer für Computerhasser“ richtiger als Springer-Chef Matthias Döpfner. :-P

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.