Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Zoltar Speaks - eine antike Wahrsage-Maschine vom Jahrmarkt

Next big things?

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Ein kleiner Daten-Dump der Festplatte im Kopf: Trends und Themen, die uns in nächster Zeit umtreiben (sollten).

AI – Agenten-Intelligenz

Beschirmt von Intelligenz: Frau sitzt unter einem Schatten gebenden Gehirn-Baum - Grafik via PixabayDas tut sich: AI ist nicht nur marktreif, sondern allgemein verfügbar. Die Algorithmen haben enorme Fortschritte gemacht, menschliche Sprache für Maschinen verständlich zu machen – auch und gerade gesprochene Sprache. Amazons Alexa, der Google Assistant für Telefone und den Google-Home-Digibutler, und natürlich Apples Siri sind nicht nur flächendeckend verfügbar, sondern öffnen sich über Schnittstellen auch für Drittanbieter.

Warum das wichtig ist: Informationen und Services nicht mehr suchen, sondern einfach über den digitalen Butler organisieren lassen: Sprach-Interfaces mit künstlicher Intellligenz sind bequem und werden an vielen Stellen die Handy-App ablösen. „We are moving from a mobile first to an AI first world“, sagt der Google-Chef dazu.

Fragen für die Medienhäuser: Wie betreibt man nach SEO und SMO nun AIO? Und: wie entwickelt man Schnittstellen, über die die intelligenten Agenten auf Informationen zugreifen können? Wegweisend die Strategie des Guardian, der für Amazons Alexa einen „Skill“ entwickelt hat, einen Dienst, über den Alexa-Nutzer ausgewählte Guardian-Inhalte recherchieren und abrufen können.

Konversation statt Website

Das tut sich: Der Tod der Extra-App. Die meisten Nutzer nutzen täglich sowieso nur 5 Apps oder weniger – und das sind die, die meist schon vorinstalliert sind: Facebook, die Kamera, Instagram, Messenger, Whatsapp. Die Generation Whatsapp wird Dienste und Informationen von Dritten zunehmend über diese Apps nutzen. Interessant ist ein Blick auf den Umfang, in dem die Chinesen WeChat nutzen – und darüber längst auch einkaufen, Flüge organisieren, Nachrichten lesen; auch der Videobotschaften-Messenger Tribe nutzt Spracherkennung und AI, um den Nutzern die ganze digitale Welt zu erschließen. Facebook arbeitet längst daran, seinen „Messenger“ zum universellen, AI-gestützten digitalen Butler aufzubohren (und mittelfristig auch mit anderen Teilen der Plattform wie dem Kleinanzeigen-Ersatz „Marketplace“ zu vernetzen.) Eins der interessantesten Projekte bei uns: „Resi“ – ein Experiment mit Nachrichten in Dialogform.

Warum das wichtig ist: Weil den „Push Notifications“, den Ich-bin-superwichtig-Nachrichten des Smartphones, die Kernschmelze droht. Immer mehr Apps erheben Anspruch auf diese umkämpfte Zone und treiben damit ihren Nervfaktor nach oben und den Nutzen nach unten.

Fragen für die Medienhäuser: Wer hat schon Erfahrung mit der Facebook-Chat-API? Wer kann „Conversational Journalism“? Oder wenigstens: wer kann denen, die ihn können, ein Angebot machen, das man nicht ablehnen kann?

Lineare Medien, nichtlineare Distribution

Das tut sich: Die großen Video-Streamingplattformen haben sich etabliert und eine weit gehende Monopolstellung erreicht – Netflix in den USA, Amazon Prime bei uns. Bei der Musik ist der Kampf zwischen Spotify, Apple Music, Deezer und den kleineren Plattformen zwar noch offen, aber auch hier wird es zu einer Konzentration kommen. Den Diensten ist es gelungen, die Nische zu verlassen: 28% der unter 30-Jährigen nutzen das kostenpflichtige Videostreaming. Beim Audio-Streaming sind laut ARD-ZDF-Onlinestudie etwa ein Drittel der 14-29jährigen Nutzer von Musikstreaming-Diensten.

Warum das wichtig ist: Das Monopol aufs Sofa ist weg: Auch On-Demand-Nutzung geht jetzt “lean-back”, sie erfordert genauso wenig Anstrengung wie die Nutzung eines linearen Programms (und ist um Größenordnungen zielgenauer).

Fragen für die Medienhäuser: Haben wir die Infrastruktur, um Metadaten zu generieren und zu verwalten und anzubieten? Was machen wir mit den Nutzungsdaten? Welche APIs bieten wir für Dritte? Welche Markenstrategie verfolgen wir, und funktionieren diese Marken auch ohne das lineare Medium dahinter?

Plattformredaktionen für “homeless media”

Alte Aussichtsplattform

CC BY Martin L/via flickr.com

Das tut sich: „Homepage – even the word looks old!“ Das New Yorker Bewegtbild-Startup NowThis lebt schon länger vor, wie man Inhalt unabhängig von einer Ursprungs-Präsenz optimiert für die jeweilige Plattform Bei Springer setzt Julian Reichelt die Strategie bei bild.de mit großer Konsequenz um – beispielsweise mit einem eigenen Snapchat-Team.

Warum das wichtig ist: Mit dieser Strategie hat es Springer geschafft, seine nach abgestandenem Bier riechende Marke auch auf die Smartphones der Unter-19-Jährigen zu bringen – und das mit Informations- und Unterhaltungswert. Was auf Snapchat im @hellobild-Kanal passiert, bestimmt Plattformredakteur Manuel Lorenz mit seinem Team, nicht der Chefredakteur.

Fragen für die Medienhäuser:  Wer ist groß und stark genug, um sich so dünn zu strecken – über immer mehr eigenständige Plattformen? Und: Wie können Redaktionen die Plattform-Nerds gewinnen und halten – und ihre Autonomie gegen die Führung des Hauses durchsetzen?

Brückentechnologie Newsletter

Das tut sich: Im Jahre 22 des Online-Journalismus ist die Spreizung zwischen verschiedensten Nutzungsformen und Nutzergewohnheiten breiter denn je – vom Videotext-Nutzer bis zum Apple-Watch-Erstkäufer. Netzgemeinde? Nichts könnte ferner sein! Um so interessanter ist es, dass die vermeintlich veralteten Newsletter sich so gut behaupten – und dabei ist ihr Entwicklungspotenzial noch lange nicht ausgereizt: Moderne Newsletter-Tools liefern zwar genaue Nutzungsdaten, diese werden aber kaum zur Personalisierung genutzt – was in Verbindung mit roboterjournalistischen (also von einer Maschine aus Daten generierten) Texten zielgenau Nutzerbedürfnisse bedienen könnte.

Warum das wichtig ist: Es gibt keine Lagerfeuer mehr. Die Idee einer „Netzgemeinde“ führt so sehr in die Irre wie nie zuvor. Die große Herausforderung ist, traditionell orientierte Publika mit neuer Technologie zu erreichen und zu halten.

Fragen für die Medienhäuser:  Wer sind die wiedererkennbaren Autoren, deren Persönlichkeit und Stil ihre Community zielgenau bedient? Was wollen diese Communities?

360-Grad-Video und VR

Das tut sich: Während auf der einen Seite Schwergewichte mit mehr oder weniger teurer Spezialhardware nach dem Geek-Entertainment-Segment fischen – Facebook mit der Oculus, Sony mit der PS4 VR, HTC mit der Vive – schließt sich allmählich dank leistungsfähiger Telefone die Lücke zum Normalnutzer. Das „Daydream“-Projekt von Google arbeitet hinter den Kulissen an einem Entwicklerkit, das VR zum integralen Bestandteil jedes Android-Telefon macht. Und sorgt mit neuer Filzhardware, dass niemand mehr eine alberne Pappbrille mit sich herumtragen muss. Entertainment-Startups arbeiten unterdessen an praktikablen Umsetzungen des Holodecks – mit VR zum Anfassen.

Warum das wichtig ist: Die Immersion, die VR ermöglicht, ist eindrucksvoll und emotional. Und bei vielen Situationen ergibt sie auch erzählerisch und journalistisch einen Sinn – wenn sie die Nutzer Erfahrungen machen lässt, an die sie sonst nie kämen und nicht nur das erste „Wow“ bedienen.

Fragen für die Medienhäuser:  Die Situationen und Erzählstrategien finden, auf die das zutrifft.

Augmented Reality

Das tut sich: Während VR allmählich hoffähig wird und immer mehr Nutzer schon mal eine VR-Brille auf der Nase hatten, werden nur wenige bemerkt haben, dass sie immer auch die Nutzung der Kamera ermöglicht – und damit die Überlagerung der Kamera-Bilder mit vernetzten Informationen und Modellen.

Warum das wichtig ist: Der möglicherweise größte Markt sind Tutorials, also: Bedienungsanleitungen zum Mitspielen. Aber auch journalistisch ist in der Technik jede Menge Potenzial – und sei es nur, indem man die eigenen Reporter mit der Microsoft HoloLens ausstattet.

Fragen für die Medienhäuser:  Gibt es auch für uns etwas zu holen? Und wie kommen wir an eine Microsoft HoloLens?

Lifestream statt Livestream

Das tut sich: Die Technik rückt noch ein Stückchen an uns heran: Snapchat, das sich in Snap Inc. umbenannt hat, will das Konzept des subjektiven Video-Tagebuchs mit einer neuen Brillenkamera teenagertauglich machen. Unterdessen liefern Bewegungssensoren im Handy, die allgegenwärtigen Fitnesstracker und die Sensoren, die sich in den Geräten in unserem Haushalt finden, immer mehr Daten über den Zustand des Nutzers.

Warum das wichtig ist: Weil damit eine völlig neue Qualität der Personalisierung erreicht werden kann: Die richtige Musik nach einer schlechten Nacht? Nachrichten, die den Puls nicht zu sehr hochtreiben? Mindestens welche, die zur Tages- und Uhrzeit ebenso passen wie zum Ort.

Fragen für die Medienhäuser:  Wer will noch sehen, was die Tagesschau sendet, wenn @lopsimaus28411 das Originalmaterial hat? Und warum gibt es im Jahr 2016 noch immer Apps, die Eilmeldungen nicht personalisieren?

Postrationaler Journalismus

Szene aus "Der Zauberer von Oz" (1939): Die Westhexe schaut in ihre Kristallkugel

Wie verhindern wir, dass die Bösen die roten Schuhe bekommen?

Das tut sich: Die Öffentlichkeit zersplittert in Öffentlichkeiten – und die Ränder schotten sich zur Mitte hin ab. Der Anspruch, mündige Bürger mit neutralen (oder zumindest fairen) Informationen zu versorgen, gerät immer mehr unter Druck; Filterblasen-Medien wie Breitbart oder der Propagandakanal „Russia Today“ setzen sich zum Ziel, die Idee von Wahrheit durch die Ansicht zu ersetzen, dass Wahrheit eine Frage der Gruppe ist, zu der man gehört. Postfaktische Politiker lügen ungeniert und ersetzen statistische Wahrheiten durch gefühlte. Die sozialen Netzwerke belohnen Konflikt und verstärken Phänomene wie den „Hostile Media“-Effekt. Auch da, wo es nicht ganz so konfliktbeladen zugeht, müssen wir uns unter anderem damit auseinandersetzen, dass Nachrichten und Informationen nicht mehr als etwas gesehen werden, das man abarbeiten muss, sondern als Instrument zum „Mood Management“ wie sonst Musik.

Warum das wichtig ist: Faktenchecks in Echtzeit, wie sie NPR zu den Präsidentenwahl-Debatten organisiert hat, und ein zunehmend fakten- und datenkundiger Stil moderner Politikredaktionen sind nur ein Teil der Antwort – wenn Medienmacher unter anderem nicht berücksichtigen, dass Fakten Nutzer eher in ihren Irrmeinungen bestärken, als sie davon abzubringen, wird ihre Legitimation immer weiter erodieren. Vielleicht liegt ein Weg darin, die Effekte in den Fokus der Berichterstattung zu stellen, die unsere Wahrnehmung verzerren, wie das WSJ es getan hat. Neue journalistische Formen wie Newsgames nutzen die Eigenheiten unseres Denkapparats aus, um uns doch noch mit schwerer Kost vertraut zu machen.

Fragen für die Medienhäuser:  Wie werden wir als Partner akzeptiert – und wo sind wir tatsächlich Partei und trotzdem „free and fair“? Und welche journalistischen Formen tragen der Notwendigkeit Rechnung, die Herzen zu erreichen?

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

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