Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Die Goldene Liste – 11 Tools, die Journalisten heute kennen müssen

| 5 Kommentare

Goldenes Buch CC BY chatchavan via flickrBitte nicht weiterlesen – trotz des unwiderstehlichen 11-Punkte-Versprechens: es handelt sich um eine Seminararbeit. Entstanden im Seminar zur Zusammenarbeit in crossmedialen Teams, das ich für die ARD-ZDF-Medienakademie anbiete – aus dem verständlichen Wunsch der Teilnehmer heraus: ja, alles sehr schön mit dem Medienwandel, aber welches sind meine Werkzeuge? Ich habe daraufhin versprochen, meine ganz persönliche „Goldene Liste“ vorzustellen von Netztools, die man meiner Meinung nach kennen sollte, wenn man im 21. Jahrhundert als Journalistin oder Journalist arbeiten will.

Mitarbeit: Britta Binzer, Beate Heitz, Matthias Brackmann, Katharina Wenke, Angelica Afzelius, Angela Wosylus, Frauke Thiele

1. Elektronische Presse, kostenlos

  • Tool: WordPress
  • Warum: Ein Redaktionssystem für Alle und Jeden. Einfach zu bedienen, zuverlässig, erprobt, Riesencommunity, unendlich erweiterbar und anpassbar. Und interaktionsfähig!
  • Wozu einsetzen: Vom Redaktionsblog über die Aktionsseite bis hin zur Alternative des „großen“ Redaktionssystems (CMS)
  • Was man braucht: Entweder ein kostenloses Account bei wordpress.com (der kommerzielle Arm der Bewegung – werbefinanziert, im Funktionsumfang beschränkt) – oder etwas 08/15-Serverspace mit einer MySQL-Datenbank und PHP-Unterstützung. Und einen Halbnerd, der einem den Kram in zehn Minuten einrichten kann.
  • Alternativen: Es gibt Menschen, die sich freiwillig mit Typo3 herumquälen. Weiß ehrlich gesagt nicht warum. Ansonsten: vielleicht Tumblr. (siehe unten)

2. Das unerwartet soziale Netzwerk

  • Tool: Youtube – so, wie die hier es machen. Oder der hier.
  • Warum: Weil wir Youtube in erster Linie als Ausspielplattform für Videos sehen. Aber es ist eine Kommunikationsplattform (kommentieren, liken, disliken, Freundschaften etc.) – was alle wissen, die unter 25 sind, und alle anderen lernen sollten.
  • Wozu einsetzen: Bitte nicht nur als Content-Abwurfplattform im Netz benutzen
  • Was man braucht: Ein Google-Konto.
  • Alternativen: vimeo – das Youtube für Schnösel. Und… naja.

3. Der Fernsehsender in der Hosentasche

  • Tool: ustream.tv
  • Warum: weil man hier spürt, wie wenig man heute braucht, um ein Fernsehsender zu werden – und weil die Gegenseite mit diesem Tool auch zurücksendet.
  • Wozu einsetzen: Reporter in Ausnahmesituationen, Redaktionskonferenzen, Stream ins Netz
  • Was man braucht: Ein Smartphone oder Tablet (iOS oder Android) und die ustream-App; anmelden – schon ist man sendeklar
  • Alternativen: Google Hangout, bambuser

4. Das Echtzeitrecherche-Arbeitspferd

  • Tool: Die Twitter-Suche
  • Warum: Nicht alles, was bei Twitter Thema ist, ist wichtig – aber alles, was wichtig ist, ist bei Twitter Thema. Ein schnelles Recherchewerkzeug für Dinge, die gerade viele Menschen bewegen.
  • Wozu einsetzen: Um zu sehen, bis wohin das #unwetter überall reicht. Um griffige One-Liner über den neuen #tatort zu sammeln. Um Antworten der Community zu finden. Um Gesprächspartner zu suchen. (Ein wenig Verständnishilfe für Twitter-Einsteiger hier, ein Überblick über die richtigen Recherche-Strategien hier.)
  • Was man braucht: Nicht mal ein eigenes Twitter-Account – das ist ja das Schöne!
  • Alternativen: Topsy – das eignet sich sogar noch für alle möglichen schönen Spielereien mit RSS-Feeds.

5. Der Datenkrake den Tentakel schütteln

  • Tool: Facebook Ad Tool
  • Warum: Ein schräger Zugang zu außerordentlich aufschlussreichen Daten über die Vorlieben und demographischen Daten der Facebook-Nutzer.
  • Wozu einsetzen: Um zu verstehen, wo der Vorteil liegt, den zielgruppengenaue Werbung im Wettbewerb mit Zeitungsanzeigen hat. Um zu erfahren, wie viele deutsche Nutzer Facebook derzeit zählt. Und um die Größe digitaler Zielgruppen abzuschätzen. (Wie viele Facebook-Nutzer im Raum Offenbach interessieren sich denn nun wirklich für klassische Musik?)
  • Was man braucht: Ein Facebook-Konto
  • Alternativen: Achja, einen Versuch ist es wert: Die Facebook-Sprache in den Kontoeinstellungen auf US-Amerikanisch umstellen; mit etwas Glück bietet Facebook dann die ganz ähnliche „graph search“. Es gibt eine externe Suchmaschine namens Ark, die ebenfalls Personen anhand von Vorlieben und demographischen Daten auswählt.

6. Das Sieb für die sprudelnden Bilderquellen

  • Tool: CC Search
  • Warum: Weil es so viele großartige Bilder gibt. Und weil in den Symbolfoto-Bibliotheken oft nichts Passendes liegt. Oder gerade für diesen einen Zweck nicht eingesetzt werden darf.
  • Wozu einsetzen: Als Quelle für stock photos (Symbolbilder) – etwa in Präsentationen. Die man dann natürlich auch weitergeben darf, wenn man die CC-Lizenz beachtet.
  • Was man braucht: Wissen um die Grundbegriffe digitalen Urheberrechts und um die Bedeutung der verschiedenen CC-Lizenztypen, Mut zum Kleingedruckten
  • Alternativen: Das deutlich übersichtlichere Photopin für das schnelle Bild. (Ergänzt am 1.10.2013; danke Vera!) Für Profis: Direkt in Wikipedia nach freien oder CC-Inhalten suchen, die auf der Wikimedia Commons verfügbar sind.

7. Content mischen, waschen, schleudern

  • Tool: Tumblr
  • Warum: Tumblr kann erst einmal vieles, was WordPress auch kann – ist aber deutlich einfacher einzurichten. Auch Posten – insbesondere vom Smartphone aus – ist so unkompliziert, dass man ganz schnell mal ein Foto oder Video oder Audio veröffentlichen kann. Man kann anderen Blogs folgen. Und dann ist da noch die Möglichkeit, interessante Posts zu rebloggen – was zur rasend schnellen Verbreitung mancher Tumblr-Inhalte beiträgt.
  • Wozu einsetzen: Als tagebuchhafte Alternative zum Twittern, zur Sammlung von Fundstücken oder für ein ganz einfaches, unkompliziertes Werkstattblog. Und besonders für Viralschleudern.
  • Was man braucht: Eine Mailadresse, um sich anzumelden
  • Alternativen: Googles Blogger (mit Abstrichen)

8. Pflegemittel für Kuratiertiere

  • Tool: Storify
  • Warum: Weil Kuratieren eine Basiskompetemz für moderne Journalisten ist – die man mit diesem Tool üben kann
  • Wozu einsetzen: Veranstaltungs-Rückblicke. (Besonders, wenn sich dort twitternde und facebookende Menschen tummeln.) Die üblichen „Was-spricht-das-Netz“-Geschichten. Zur Not sogar zum Livebloggen – ich erwarte, dass sich Storify nach dem Kauf durch Livefyre deutlich in diese Richtung bewegen wird.
  • Was man braucht: Eine Mailadresse oder ein Twitter-Account, um sich anzumelden
  • Alternativen: Ein teures Tool wie unser heiß geliebtes ScribbleLive – einfacher zu bedienen, vielseitiger einsetzbar (aber: nicht so sexy.)

9. Der bestellte Garten

  • Tool: scoop.it
  • Warum: Sammeln, kultivieren, verschönern – scoop.it ist das Gärtchen, in dem man seine Lieblingslinks rund um ein Thema kultivieren kann. (Auch diese Sammlung hätte wahrscheinlich ein ganz gutes scoop.it ergeben)
  • Wozu einsetzen: Um Recherche-Ergebnisse zu sammeln und in Form von Dossiers zu veröffentlichen; um Transparenz über die Arbeit einer Redaktion zu erzielen
  • Was man braucht: Eine Mailadresse, um sich anzumelden
  • Alternativen: Diigo ist klar überlegen, wenn man die gesetzten Lesezeichen irgendwann mal selber wieder finden will – und wenn man im Team, in einer Gruppe, recherchiert. (Ich liebe Diigo). RebelMouse ist klar überlegen, wenn aus dem Twitter-Facebook-etc-Shares-Strom automatisch eine Überblicksseite entstehen soll. (Ich liebe Rebelmouse). Und auch Sascha Lobos „Reclaim Social Media„-Projekt behalte ich im Auge.

10. Der digitale Coworking Space

  • Tool: Google Drive (früher: Google Docs)
  • Warum: Weil wir nicht immer in einem Raum sitzen und kreativ sein können – damit können wir das wenigstens virtuell tun. Hier können Menschen, die an verschiedensten Ecken eines Kontinents oder auch nur eines Raumes sitzen, in Echtzeit ihre Ideen zusammenwerfen.
  • Wozu einsetzen: Fürs Brainstorming. (Aber Achtung!) Für Projektplanung, für gemeinsame Manuskripte, für alles, was Zusammenarbeit erfordert.
  • Was man braucht: Schon wieder ein Konto beim Datenstaubsauger Google
  • Alternativen: Der kollaborative Notizzettel OpenEtherPad – da liest wenigstens die NSA nicht mit.

11. Der Code-Verleger

  • Tool: Apples eBook-Tool iBooks Author
  • Warum: Weil man damit ein besseres Gefühl für digitales Publizieren bekommt – und dafür, dass ein e-Buch so viel mehr sein kann als ein gedrucktes Buch (und so viel mehr Aufwand verursachen)
  • Wozu einsetzen: Die Recherche als Buch herausgeben? Die Interviews? Meinethalben nur die Manuskripte? Nur zu! Kostet ja nichts außer Arbeit.
  • Was man braucht: Einen Mac – und man muss Apple wirklich mögen
  • Alternativen: TeX, anyone? Just kidding. Natürlich gibt es eine Menge Möglichkeiten, ein elektronisches Buch zu publizieren. Soweit ich weiß, sind sie in der Regel umständlicher und fehlerträchtiger als das Apple-Werkzeug – irgendeinen Vorteil muss man ja davon haben , dass man sich der geschlossenen Apple-Welt ausliefert.

Nachtrag: In Zusammenarbeit mit der BayMS biete ich ein Praxisseminar rund um diese Tools an – im Mittelpunkt sollen praktische Anwendungen im Redaktionsalltag stehen. Ort und Zeit: 3. Dezember 2013 in Nürnberg, Details hier.

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

5 Kommentare

  1. Würde die Liste gern um ein relativ neues Tool ergänzen, das sich sehr gut für Live-Berichterstattung eignet:
    http://gotlatte.com/

    Grüße
    Harald Link

  2. WordPress, Twitter… „Die Goldene Liste“ – ehrlich jetzt? Steht es so schlecht um den Journalismus?

    • Wenn ich aus meinem Alltag heraus eine Einschätzung aus dem Bauch abgeben müsste: ja. Bisher gehörte: „Nutze professionell eine Echtzeit-Suche und sei in der Lage, Dein eigenes Redaktionssystem zu pflegen“ einfach nicht zur journalistischen Jobdefinition. Raus aus der Filterblase, Genosse! :)

      Der Rest ist mein Handwerk: schamlose Klickschinderei mit übersteigerten Versprechungen.

  3. Pingback: Links oben: Journalisten, die sozialen Handwerker - UNIVERSALCODE

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