Jan Eggers

Das Interdings, soziale Medien, Journalismus und der ganze Rest.

Barcamp Darmstadt: Nachklapp

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Wissen Sie, was ein Barcamp ist? Eine Konferenz, die keine Konferenz sein will – eine Unkonferenz. Schneller beschrieben ist, was es nicht ist: eine Tagung mit für teures Geld engagierten Rednern, zwischen deren Vorträgen die zahlenden Gäste allenfalls Zeit haben für einen schnellen Kaffee. Auf Barcamps gibt es keine Trennung zwischen Vortragenden und Publikum; das bringt die Themen, die es behandelt sehen möchte, selbst mit. Das funktioniert? Das funktioniert hervorragend – und führt, trotz des Wundertütencharakters einer Konferenz ohne festen Themenplan und mit starkem Informatikerüberhang, zu spannenden Begegnungen mit Menschen und Themen. Und es macht einen Heidenspaß – ganz besonders, wenn die Organisatoren derart liebevoll für einen wohlorganisierten Rahmen für die organisierte Unorganisiertheit sorgen wie beim letzten Barcamp, an dem ich die Ehre hatte teilzuhaben. (Mehr über die Veranstaltung u.a. bei Kikuyomoya, Frank Hamm und Jan Schuster.)

Das Barcamp in Darmstadt vergangenes Wochenende mit fast 300 Teilnehmern habe ich in einer Doppelrolle erlebt – als Reporter (für ein hr2-Wissenswert im Dezember) und als vortragender Teilnehmer. Dabei konnte ich noch einmal über Datenjournalismus reden (das Projekt „Klickbarer Haushalt„, dessen erste Resultate ich hier schon eimal gesammelt habe, ist seit ein paar Tagen online) – und die klare Erfahrung sammeln, dass eine Prezi-Präsentation auf einem Linux-Kleinstrechner einfach nicht funktioniert. Kommentar eines (sehr wohlgesonnenen) Webentwicklers: Ein Flash-Ding wie Prezi auf etwas anderem als Windows – das ist ein Rezept für eine Panne.

Schon deshalb habe ich meine zweite Session ganz ohne Computerhilfe bestritten, mit gemalten Moderationskärtchen: ein Versuch, die Medienökonomie der linearen Medien zu erklären – und ihre Schwierigkeiten mit dem Medienwandel in Zeiten des sozialen Internets ein bisschen besser begreifbar zu machen. Ein kurzer Abriss der Thesen zum Nachlesen nach dem Klick. 

Medienökonomie des 20. Jahrhunderts – analoge Welt:

Redaktionen als Filter - die Ereignisse auswählen, um Pakete zusammenzustellen.Konkurrenz um Zielgruppen

Ein Ereignis wird von Redaktionen bearbeitet, die nur auf ihren jeweiligen Medienkanal schauen. Diese Kanäle sind klar voneinander abgegrenzt. Da die Sendezeit bzw. der Platz begrenzt ist, wählen die Redaktionen aus. Sie schnüren Einzelbeiträge zu Paketen – Sendungen oder Zeitungen – die sie ihren Kunden am Stück ausliefern. Die Auswahl orientiert sich an einer vordefinierten Zielgruppe und versucht diese möglichst vollständig auszuschöpfen, indem sie auf den „Mediannutzer“ zielt – also denjenigen, der geschmacklich genau in der Mitte der angepeilten Zielgruppe steht.

Medienökonomie des 21. Jahrhunderts – Internetzeitalter

Die Multimedia-Redaktion kann alles - und hat keine Beschränkungen mehr, die sie zum Schnüren von Paketen zwingen. Andererseits kann sie nur mit dem punkten, was einzigartig ist.

Das „Multimedium“ Internet eignet sich zur Verbreitung von Text, Bild, Bewegtbild und Ton (und natürlich Animationen und interaktiven Formen wie Abstimmung, Quiz, Diskussionsforum…) Redaktionen tendieren nun dazu, crossmedial zu arbeiten, um Doppelstrukturen zu vermeiden und Inhalte besser aufeinander abzustimmen. Die Grenzen zwischen den Medienangeboten weichen auf, die Anbieter machen sich verstärkt Konkurrenz.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts versuchen Medienanbieter, sich einen guten Start in das neue Medium zu verschaffen, indem sie existierende Angebote einfach ins Netz übertragen haben – allerdings ist diese Strategie aus mehreren Gründen problematisch:

  • Inhalte lassen sich nicht gut aus einem Medium ins andere übertragen – man merkt ihnen ihre Herkunft an, und „Cut&Paste“ ist im Zweifelsfall einem extra fürs Internet gebauten Angebot weit unterlegen.
  • Die zunehmende Medien-Konvergenz ist nur ein Teil des Wandels: Das Internet ermöglicht die weltweite Verbreitung von Inhalten zu Grenzkosten von praktisch null1. Plötzlich also sehen sich die Medienanbieter einer weltweiten Konkurrenz ausgesetzt. Da Inhalte einfach zu vergleichen sind, wird sichtbar, dass ein Großteil der Angebote nichts anderes ist als die Auswahl aus dem immer gleichen Agenturmaterial – eine Dienstleistung, die im Internet-Zeitalter massiv an Wert verloren hat.
  • Die Online-Klientel unterscheidet sich deutlich von der Klientel des Stamm-Mediums (Beispiel Zeitung: nur 10-15% Überlappung zwischen Online-Nutzern und Abokunden); die Vorstellung: Wenn der Nutzer erst einmal unser tolles Online-Angebot kennen gelernt hat, dann abonniert er auch die Zeitung, ist irrig.
  • Auch im Netz nehmen die Anbieter immer noch an, dass der Nutzer Pakete geschnürt bekommen will und man mit einem Paket-Angebot die gesamte Zielgruppe abdecken kann – Inhalte im Netz werden aber immer stärker aus ihrem Kontext herausgelöst konsumiert; die Nutzer picken sich die Inhalte heraus, die sie wirklich interessieren, und ignorieren den Rest.
  • Die am Massengeschmack der großen Zielgruppen orientierten Pakete konkurrieren mit Spezialinhalten, die Nischen bedienen.

Da bezahlbare Soft- und Hardware fast jedem Medienproduktion zu vertretbaren Kosten erlaubt, konkurrieren die professionellen Medien-Anbieter auch mit „Prosumenten“. Jeder kann in der digitalen Welt zum Publizisten werden – und praktisch alle digitalen Angebote bieten Rückkanäle. Der Sender, dem alle zuhören, ist passé und weicht dem Dialog der vielen.

Mehr zu den grundsätzlich anderen Medienlogiken von Internet- und Analogzeitalter hier: Der sendungsbewusste Sterbekandidat – das Problem mit dem Radio 2.0

Autor: Jan Eggers

Journalist. Teilzeituntergeek. Familienvater. Social-Media-Praktikant seit 2007. Sonst Multimedia beim Hessischen Rundfunk

5 Kommentare

  1. Ahh, jetzt. Coole Aktion mit der Offline-Präsentation. Hat ja früher auch so funktioniert und passte wohl 1A zum Thema.

    Ich habe mich eben durch die drei Teile zur Gegenwart und gewünschten Zukunft des Radios gelesen. Ich würde mir auch diese Selektivität auf der Startseite der Sender wünschen („wo finde ich Infos zu dem Thema, das heute um 13 Uhr lief?“), schätze aber auf der anderen Seite genau diese endliche Sendezeit und die daraus folgende Reduzierung auf Qualität (auch wenn ich kein Mediannutzer bin).

    Ich bin aber eigentlich die total falsche Zielgruppe, da überhaupt kein Interesse am Mainstreamradio, ich nur bewusst zuhöre und sonst die Ruhe schätze.

    Der Vollständigkeit halber aber mal mein Hörprofil:
    a) HR-Info: wg der informativen Beiträge
    b) HR2: Klassikmusik (beruhigend)
    c) Radio X: weil es der einzige Sender ist, auf dem zumindest ansatzweise vernünftige Musik kommt (sofern ich dafür Zeit und Muße habe).
    Und ich habe einen Degen DE1103 Weltempfänger mit einem Spitzen FM-Empfänger, der sogar noch zwischen 200kHz trennen kann (= auch DX FM Stationen empfangbar, große Auswahl).

    Meine Fragen:
    a) wieso ist dieses Thema 10 Jahre nach dem Cluetrain Manifest und den Vorbildern in den USA noch nicht so weit beim deutschen ÖR-Funk angekommen? Wg der stabilerer Finanzierung via GEZ & Co?
    b) Wieso gibt es keine Sender für Rockmusik/Alternative und elektronische Musik im klassischen FM-Bereich (als Reaktion auf diese Entwicklungen, eben um auch mal die Nieschen zu bedienen)?
    c) Was muss geschehen, damit sich das System ändert? Liegt das an unfähigen, uneinsichtigen Programmdirektoren? Haben die Anderen diese Zustände überhaupt so erkannt und werden sie bei den Radiosendern auch als Möglichkeit wahrgenommen?

    Ich vermute ja, dass sich gar nichts ändern wird, oder zumindest nicht viel, weil es eben dieses lean-back Medium ist. Gerade bei den steigenden Rundfunkgebühren muss das aber doch ein heißes Thema sein…?

  2. Hallo Jan, vielen Dank für Deinen Rückblick und vor Allem für die super Aufbereitung Deiner erfrischend analogen Session über die Medienwelt!

  3. Pingback: Daten-Journalismus und OpenData | Morgenlandfahrt

  4. @jke:

    Juergen, ich bin nicht der Richtige, um für den ÖRR allgemein zu sprechen (oder gar für meinen Sender). Die Beobachtung, dass sich der (und der klassische Journalismus allgemein) sich schwer tut, dem Cluetrain Manifesto zu verschreiben, ist IMHO richtig – hat aber auch damit zu tun, dass ein Hammer-Satz wie „Märkte sind Gespräche“ jedem Journalisten gleich klarmacht, dass er nicht weiterlesen braucht, denn es geht ja um Markt und nicht um Massenkommunikation. Nein, ernsthaft: wer sagt denn, dass Journalismus wirklich nach den gleichen Marktmechanismen funktioniert, die das Manifest voraussetzt?

    Was die Nischen angeht – und mit der kleinen Anmerkung, dass zwei der drei Nischenprogramme, die Du hörst, ja durchaus aus unserem Haus kommen: Auch eine Nische muss groß genug sein, um darin zu überleben. Der deutsche Markt ist – verglichen mit den USA – relativ klein, und ich behaupte auch, dass weite Landstriche der USA eine Radio-Monokultur sind – überall die gleichen Mainstream-Sender der großen Ketten, und lokale Konkurrenten, die im Prinzip das Gleiche machen. Das bedingt die Medienökonomie in der analogen Welt. Natürlich gibt es trotzdem Nischenanbieter – die USA sind ein verdammt großes Land – aber ich glaube, dass wir deren Verbreitung in der analogen UKW-Welt überschätzen.

    Was die uneinsichtigen Programmdirektoren angeht: Mein Punkt ist ja, dass die analoge Welt einem da nicht viel Wahl lässt. Das schließt die Öffentlich-Rechtlichen mit ein, die – das alte BBC-Argument – ja von allen Gebühren nehmen und deswegen im Prinzip auch allen etwas bieten müssen. Nur für die Nische zu senden verbietet sich – wie kann ich rechtfertigen, Gebühren für Inhalte zu nehmen, die den größten Teil der Gebührenzahler nicht interessieren? Und – das ist das Dilemma der alten Medien beim Umstieg in die digitale Welt – ihre Stammklientel ist analog und wird es bleiben. Wie macht man neue, digitale Angebote, ohne die Stammkundschaft zu verärgern – und ohne zusätzliches Geld zur Verfügung zu haben? Das ist das Problem, dem sich alle Medienmacher stellen müssen.

    Eine letzte Fußnote zu Deiner Frage (b): Was hältst Du von http://www.radioeins.de? (Wieder einmal ist’s das Umfeld, das so etwas ermöglicht: der Großraum Berlin.)

  5. Hallo,
    viele Dank für diesen tollen und informativen Bericht vom Barcamp Darmstadt.
    Auch ich sitze meistens vor dem „Multimedium“ Internet um mir meine News und Infos zu holen, nur die Tagesthemen bleiben.
    Vielen Grüße
    Kai

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